Pro Mente Sana

 

Gaby Rudolf


Gaby Rudolf

Schizoaffektive Psychologin

Name: Gaby Rudolf
Alter: 37
Diagnose: Schizoaffektive Psychose
Erstmalige Erkrankung: 1987
Letzter Klinikaufenthalt: 1988
Aktuelle Lebenssituation: Ich arbeite als Psychologin bei Pro Mente Sana, lebe in meiner eigenen Wohnung in Basel und habe gelernt, mit meiner Psychoseveranlagung umzugehen.
Was mir gut tut: spazieren, schlafen, einfach dasitzen und vor mich her sinnieren, Tee trinken.

Tusch-Zeichnung von Gaby Rudolf

Meine Psychiatrieerfahrung ist für meine Tätigkeit als Psychologin eine zusätzliche Qualifikation und ich kann an meinem Arbeitsplatz offen dazu stehen.

Vor elf Jahren wuchs in mir der Wunsch, Erfahrungen aus meiner Psychose- und Depressionszeit für andere betroffene Menschen fruchtbar zu machen. So hängte ich meinen Laborkittel an den Nagel und begann im Oktober 1994 das Studium der Psychologie.

Es war ein Schritt in eine unsichere Zukunft. Würde ich das Studium schaffen oder, wie sieben Jahre zuvor als 19-jährige Chemiestudentin, wieder psychotisch werden? Lange Zeit schwankte ich zwischen dem Wissen, dank meiner Matura studienberechtigt zu sein, und dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun: Mich aus dem Lager der Betroffenen heimlich in die Gilde der Fachpersonen zu schleichen. Meine engsten Studienkolleginnen wussten von meiner Psychiatrieerfahrung, doch war ich darauf bedacht, dass keiner meiner Professoren Wind von meiner Vergangenheit bekam aus Angst vor, ja: wovor eigentlich? Eine diffuse Angst, nicht ernst genommen zu werden, bei Prüfungen strenger bewertet zu werden, schief angeschaut zu werden.

Ich arbeitete in der Klinik, in welcher ich selber Patientin gewesen war

Selbststigmatisierung nennen „wir Fachleute" dieses Phänomen.
Und „wir Betroffenen" wissen, dass wir uns selbst stigmatisieren, wie wir auch von Fachleuten stigmatisiert werden. Ein Beispiel: Eines meiner Psychologiepraktika absolvierte ich in der Klinik, in welcher ich einige Jahre zuvor selber Patientin war. Am ersten Tag sagte der Assistenzarzt zu mir: „Ich habe ein Problem. Der Chefarzt hat mich gebeten, die psychotischen PatientInnen von dir fern zu halten, weil du vielleicht zu sehr an deine eigene Erkrankung erinnert werden könntest. Ich weiss nicht, was ich tun soll, und möchte dies mit dir besprechen."

Ich war froh, dass der Assistenzarzt offen mit mir über dieses Thema sprach und wir vereinbarten, dass er mich nicht zu schonen brauche; schliesslich war ich als Psychologiepraktikantin und nicht als Patientin angestellt. Sollten mir Kontakte mit PatientInnen aber zu nahe gehen, so wäre es meine Aufgabe, dies ansprechen.

Ich wollte nicht geschont werden, sondern übernahm die Verantwortung für mich selbst

Auch mit dem Chefarzt führte ich danach noch ein klärendes Gespräch. Der Chefarzt hatte wohl in guter Absicht gehandelt. Aber statt seine Bedenken direkt mit mir zu besprechen, versuchte er, eine künstliche Umgebung zu schaffen, um mich zu schonen - wovor eigentlich? Zudem hatte er, auch wenn seit meinem Klinikaufenthalt Jahre verstrichen waren, seine ärztliche Schweigepflicht verletzt. Er hätte dem Assistenzarzt nicht erzählen dürfen, dass ich einst Patientin in dieser Klinik war.

Ein weiteres Müsterchen: Vor einem Jahr war ich als Vertreterin der Pro Mente Sana an eine Podiumsdiskussion eingeladen. Der Podiumsleiter - langjähriger Psychiater - fragte mich, wie er mich vorstellen solle. Ich lieferte ihm ein paar Sätze, in welchen ich auch meine Psychiatrieerfahrung erwähnte. Vor Veranstaltungsbeginn fragte er mich verlegen, ob er das denn so sagen dürfe, das mit meiner Psychiatrieerfahrung. Natürlich, unbedingt, antwortete ich. Leider stellte er meine klaren Formulierungen um, senkte den Tonfall und es entstand beim Publikum der Eindruck, als enthüllte er ohne mein Einverständnis ein dunkles Geheimnis aus meinem früheren Leben.

Ich habe das Privileg, eine Arbeit zu haben, für die mich meine Psychiatrieerfahrung zusätzlich qualifiziert und einen Arbeitsplatz, an welchem nicht hinter vorgehaltener Hand über meine Vergangenheit getuschelt wird. Das gibt mir Mut, offen zu meiner Psychoseerfahrung zu stehen, stellvertretend für all jene, denen dieses Glück versagt ist.

Quelle: Pro Mente Sana aktuell 05/1 - bestellen

 

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