Andreas Knuf
"Bevor es wieder losgeht!" - Individuelle Vorsorge und Selbsthilfe bei psychotischen Krisen
Menschen mit Psychoseerfahrung haben zahlreiche Selbsthilfe-Möglichkeiten, um sich vor weiteren Krisen zu schützen und Symptome abzumildern. Nur langsam werden diese Vorsorgemöglichkeiten von Seiten der Psychiatrie hinreichend gewürdigt.
Von Andreas Knuf
"Wenn ich mich in Psychosenähe fühle, reagiere ich erst einmal mit Rückzug. Ich drehe mich um und gehe nach Hause. Ich lege mich hin. Ich bin nicht zu sprechen, für niemanden, auch nicht am Telefon. Ich bemühe mich, tief und gleichmässig zu atmen. Nur meine Atmung ist wichtig, und dass ich ruhig liege, manchmal tagelang, manchmal reichen ein paar Stunden. Ich atme tief und gleichmässig. Ich spanne die Muskeln an, um zu spüren, dass ich einen Körper habe. Ich fasse an, was um mich ist: das Kissen, das Bettgestell, die Wand. In den Zimmerecken sehe ich Schatten. Sie warten darauf, grösser zu werden, sich zu bewegen, mir Scherereien zu machen. Sie flüstern bereits. Mein gleichmässiger tiefer Atem ist das einzige, was gilt. Ich liege und atme. Am nächsten Morgen: Ich habe die ganze Nacht geschlafen. Das Zimmer sieht so aus, wie es aussehen soll. Kein Schatten bewegt sich. Glück gehabt."
Regina B.
Psychiatrische und psychologische Fachkräfte, ebenso wie Psychoseerfahrene und deren Vertrauenspersonen und Angehörige stehen immer wieder erschrocken vor der hilflos machenden Eigendynamik psychotischer Krisen. Klein, ja fast winzig erscheinen die persönlichen Einflussmöglichkeiten zunächst, wenn jemand wie aus heiterem Himmel beispielsweise in eine tiefe Depression gerät. Die klassische Psychiatrie hat daraus den Schluss gezogen, dass der psychotische Prozess von innen kommt, "endogen" ist und die individuellen Verhaltensweisen und Einstellungen keine weitere Beachtung verdienen. Denkbar ist aber auch der gegenteilige Schluss: Gerade wenn die Einflussmöglichkeiten nicht offensichtlich sind, so sollten sie besonders hervorgehoben werden.
Niemand ist psychotischen Krisen hilflos ausgeliefert! Ich kenne keinen psychoseerfahrenen Menschen, der nicht Einfluss auf den Ausbruch, den Verlauf und die Folgen psychotischer Krisen hätte. Von Seiten der klassischen Psychiatrie wurden diese Selbsthilfemöglichkeiten lange vollkommen ignoriert und werden auch heute noch zu wenig gewürdigt. Auf die Frage "Was kann ich tun, um mich vor weiteren Krisen zu schützen?" erhalten Betroffene noch viel zu häufig die Antwort: "Sie müssen auf die Wirkung der Medikamente vertrauen!" Dabei gibt es mittlerweile zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass alle Betroffenen eigene Selbsthilfemöglichkeiten praktizieren. Ausserdem fangen viele Betroffene "Mini-Krisen" allein ab, ohne das psychiatrische Hilfssystem zu kontaktieren. Eine kleine Gruppe Betroffener hatte bisher noch nie Kontakt mit psychiatrischen Einrichtungen. Auch diese Menschen mit unbehandelten Psychosen versuchen durch ihr Verhalten psychotische Krisen zu bewältigen, was ihnen teilweise sehr erfolgreich gelingt.
Es zeigt sich immer wieder, dass Betroffene mit zunehmender Beschäftigung mit ihren individuellen Selbsthilfemöglichkeiten mehr und mehr Einfluss wahrnehmen. Erst langsam wird Betroffenen klar, wie sie sich durch eigenes Verhalten in Psychosenähe bringen können, andererseits durch eigene Anstrengungen die Klippen einer Krise schon mehrmals erfolgreich umschifft haben. Das schafft Selbstbewusstsein und macht die Betroffenen zu aktiven Mitgestaltern ihrer Krisen.
Die Selbsthilfemöglichkeiten psychoseerfahrener Menschen sind sehr vielfältig. Sie reichen vom Stärken der seelischen Abwehrkräfte gegen psychische Krisen über einen sinnvollen Umgang mit Stress bis zum rechtzeitigen Erkennen von sich anbahnenden Krisen und der Bewältigung aufkommender Symptome. Und selbst auf beginnende akute Symptome kann der betroffene Mensch durch eigenes Verhalten Einfluss nehmen, wie der eindrückliche Bericht von Regina B. verdeutlicht (siehe Kasten). Von den vielen individuellen Selbsthilfemöglichkeiten sollen hier zwei etwas ausführlicher vorgestellt werden.
Mit Belastungen angemessen umgehen
Zuviel Stress schadet jedem Menschen. Während nicht-psychoseerfahrene Menschen vielleicht mit einer Grippe oder einem Gefühl von Erschöpfung auf Stress reagieren, geraten psychoseerfahrene Menschen möglicherweise in eine erneute psychotische Krise. Selbsthilfe bedeutet daher, Stresssituationen als solche zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Mittlerweile gibt es zahlreiche Untersuchungen, die sich damit beschäftigen, was psychoseerfahrene Menschen eigentlich als Belastungen wahrnehmen. Vor allem soziale Situationen scheinen mehrheitlich belastend erlebt zu werden, so z.B. Auseinandersetzungen und Konflikte oder die Bevormundung durch andere. Auch übermässiges Alleinsein belastet viele Betroffene und bringt sie möglicherweise wieder in Psychosenähe. Andere Belastungen wie z.B. die Arbeit unter Zeitdruck, werden seltener genannt.
Zur Selbsthilfe im Umgang mit Stress ist es zunächst wichtig, sich klar zu machen, welche Erlebnisse und Erfahrungen einen persönlich belasten. Sind es spezifische Ereignisse oder eher dauerhafte Belastungen wie etwa immer wiederkehrender Streit mit einem Familienmitglied oder eine dauernde Über- oder Unterforderung. Häufig werden auch eigentlich positive Ereignisse als Belastungen erlebt. Viele Betroffene berichten z.B., dass sie besonders krisengefährdet sind, wenn sie sich verlieben.
Häufig bemerken wir Menschen gar nicht, wann wir eigentlich belastet sind. Auch von Menschen ohne Psychoseerfahrung werden Überforderungszeichen leicht übersehen: erhöhte Müdigkeit, Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten oder das Gefühl, nicht mehr abschalten zu können, werden ignoriert. Viele Menschen spüren erst nach der Belastung, wie angespannt sie eigentlich waren. Wichtig ist es daher, die eigenen Stresszeichen kennen zu lernen und sich in krisen- und stressfreien Zeiten zu überlegen, wie man dann reagieren möchte. Welche Stresssituationen kann ich vermeiden? Wie kann ich mein Gleichgewicht wieder herstellen?
Krisen rechtzeitig erkennen
Fast jede psychotische Krise wird durch frühzeitige Veränderungen angekündigt: Etwa zwei Drittel aller Betroffenen berichten im Nachhinein, dass sie vor ihrer Krise Veränderungen in ihrem Erleben, Empfinden und Verhalten bemerkt haben. Von den Angehörigen nehmen sogar über 80 Prozent bei ihren Familienmitgliedern solche Veränderungen wahr. Wenn Frühwarnzeichen über einen längeren Zeitraum auftreten, ohne dass darauf reagiert wird, kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Krise. Frühwarnzeichen sind wie eine auf gelb geschaltete Ampel: Wer nicht innehält, begibt sich in Gefahr.
Es waren nicht Ärzte oder Psychologen, sondern Betroffene, die in einer Arbeitsgruppe des seit 1992 existierenden Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrener in Deutschland, die bislang umfangreichste Liste mit Frühwarnzeichen zusammengetragen haben. In ihrem Projekt "Selbst checken, ob es wieder rund geht und wie man damit umgeht" haben zahlreiche Betroffene ihre individuellen Frühwarnzeichen zusammengetragen. Diese Liste zeigt: In allen Lebensbereichen kann es zu Veränderungen kommen. Neben den häufigsten Frühwarnzeichen wie Schlafstörungen (haben 80 Prozent der Betroffenen), Konzentrationsstörungen und Rückzug, gibt es auch ganz individuelle Anzeichen wie z.B. intensiveres Wahrnehmen von Farben und Gerüchen sowie die Verstärkung oder das Ausbleiben der Monatsblutung.
Bei vielen Betroffenen findet sich ein bestimmtes Muster, wie Krisen ihren Anfang nehmen. Bei Herrn W. zum Beispiel steht meist eine Überforderung am Arbeitsplatz am Anfang seiner Krisen. Schon Monate vor der Krise spürt er, wie er sich langsam von der Umgebung zurückzieht und all seine Energie auf die Arbeit verwendet. Zwei Wochen vor der Krise fühlt er sich von Menschen im Tram beobachtet und kurz vor dem psychotischen Zusammenbruch erlebt er schliesslich auch seine Partnerin als Bedrohung. Herr W. hat gelernt, diese Anzeichen wahrzunehmen und er hat Reaktionen darauf entwickelt. Zunächst versucht er, durch weniger Überstunden und langsameres Arbeiten die Überforderung am Arbeitsplatz zu reduzieren. Spätestens dann, wenn er sich von Menschen im Tram beobachtet fühlt, lässt er sich krank schreiben. Die Medikation hat er nach Rücksprache mit seinem Arzt bereits vorher erhöht. Sollte er die Krise trotzdem nicht vermeiden können, so hat er mit seiner Partnerin abgesprochen, wann er von ihr in die Klinik gebracht werden möchte.
Um einer sich anbahnenden Krise wirksam begegnen zu können, ist es wichtig, frühe und späte Frühwarnzeichen voneinander unterscheiden zu lernen. Veränderungen, die einige Wochen vor einer Krise auftreten, sind von besonderer Bedeutung, weil sich der/die Betroffene dann mit Selbsthilfe oder einer leichten Medikamentenerhöhung schützen kann. Frühwarnzeichen, die einige Tage vor einer akuten Symptomatik auftreten, erfordern demgegenüber zumeist mehr Fremdhilfe - etwa eine deutliche Medikamentenerhöhung.
Selbsthilfe verändert Fremdhilfe
Individuelle Selbsthilfe ersetzt in der Regel keine Fremdhilfe. Ein kleiner Teil der Betroffenen möchte Selbsthilfe nutzen, um sich aus der Abhängigkeit von Medikamenten zu befreien. Die meisten verstehen Selbsthilfe jedoch als Ergänzung einer Behandlung durch Fachleute. Trotzdem hat die Selbsthilfe natürlich Auswirkungen - z.B. auf die Medikation. So werden selbstbestimmtere Medikationsstrategien möglich. Immer mehr psychoseerfahrene Menschen praktizieren z.B. eine Niedrigdosierung mit Bedarfsmedikation beim Auftreten von Frühwarnzeichen oder in Stresssituationen. Wer seine Frühwarnzeichen gut kennt, kann auch die Intervallmedikation erproben, d.h. er nimmt nur in belastenden Situationen Medikamente, setzt sie anschliessend wieder ab und nimmt sie erst dann wieder, wenn schwierige Ereignisse bevorstehen oder Frühwarnzeichen auftreten.
Aufgabe professionell Tätiger ist es, Betroffene beim Aufdecken ihrer Selbsthilfemöglichkeiten zu unterstützen. Mittlerweile werden in zahlreichen Kliniken psychoedukative Gruppen angeboten, deren Schwerpunkte jedoch zumeist in der Informationsvermittlung und Complianceförderung liegen. Die Selbsthilfeförderung kommt hingegen nicht selten zu kurz. Aber auch im ambulanten Bereich, z.B. im Rahmen einer Psychotherapie, können Selbsthilfemöglichkeiten besprochen werden. Dazu liegen heute auch anwenderfreundliche Arbeitsmaterialien vor, die es z.B. ermöglichen, mit dem Betroffenen ein individuelles Krisendiagramm zu erstellen und individuelle Listen mit Frühwarnzeichen zu erarbeiten. Leider werden betroffene Menschen von Fachpersonen noch zu selten ermutigt, ihre individuellen Selbsthilfemöglichkeiten kennen zu lernen. Psychiatrische Einrichtungen, die ihr Angebot selbsthilfeorientierter gestalten möchten, können von Pro Mente Sana Unterstützung erhalten. Wir arbeiten dabei eng mit den Betroffenenverbänden und den Psychoseseminaren zusammen.
Andreas Knuf ist Diplompsychologe, psychologischer Psychotherapeut und Mitarbeiter des psychosozialen Teams von Pro Mente Sana.
Quelle: Pro Mente Sana aktuell 3/02 - bestellen