Ihr Angehörigen seid Helden
Ich denke immer: Ihr Angehörigen seid Helden
Von Charlotte KnöpfliSie ist Betreuerin der VASK-Selbsthilfegruppe in St. Gallen
Als unsere 23-jährige Tochter vor bald 20 Jahren bei einem rätselhaften Zugunfall ums Leben kam, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich grübelte darüber nach, was der Grund ihres Todes und ihrer psychischen Krankheit gewesen sein mochte. Mein Mann und ich meinten, unsere Tochter und unsere drei Söhne mit viel Liebe aufgezogen zu haben. Ich musste mit offenen und verdeckten Vorwürfen aus der Verwandtschaft und dem sozialen Umfeld fertig werden. Sie reichten von Überfürsorglichkeit bis zur Vernachlässigung. Das tönte etwa so: "... eine Familie braucht die ganze Kraft der Mutter, da haben keine anderen Aktivitäten mehr Platz", oder: "... du hast deine Tochter sehr behütet, vielleicht sollten junge Menschen mehr Freiheit haben". Das waren Nadelstiche in meine ohnehin grosse Verwundung. Überdies war das noch zu jener Zeit, als Psychiater und Professoren in Vorträgen und Büchern, die ich dummerweise grösstenteils las, die Meinung vertraten, dass das Elternhaus und vor allem die Mütter an allem Schuld seien. Es war zum Verzweifeln. Schuldgefühle quälten mich. Nach Jahren der Trauer und einer guten Psychotherapie kam ich dank der einladenden Art der Präsidentin in die VASK-Selbsthilfegruppe. Hier fand ich zum ersten Mal Kontakt mit anderen betroffenen Eltern. Zum ersten Mal konnte ich mich vergleichen, spüren, dass ich eine ganz normale, liebende Mutter bin - wie die anderen auch. Das war wohltuend.
Nach dem Austritt unserer Gruppenbetreuerin vor einigen Jahren, wurde mir dieses Amt übertragen. Ich trat es eigentlich ziemlich leichtsinnig an und ahnte noch nicht, was auf mich zukommen könnte. Ich hatte zwar von früher her einige Erfahrung im Führen von Gruppen in einer Kaderschulung für Erwachsenenbildung und durch die Betreuung einiger Workshops. Ich merkte bald, dass in unserer Gruppe mehr eingebracht werden musste als die Begrüssung und die Beendigung des Abends. Es gibt Mitglieder, die schon lange - manche schon seit der Gründung - regelmässig dabei sind. Sie sind durch ihre langjährige Erfahrung und das oft mühsame Zusammenleben mit ihren Kranken eine grosse Hilfe für die neu Dazukommenden. Sie machen ihnen Mut, offen über heikle Probleme zu reden: Wie soll man vorgehen, wenn z.B. ein Patient ohne seine Zustimmung dringend in eine Klinik eingewiesen werden muss? Wie kann man Patienten zur Medikamenteneinnahme motivieren? Welche Strategien gibt es, um von Ärzten besser wahrgenommen und informiert zu werden? Wohin kann man sich bei finanziellen Engpässen wenden? Gemeinsam suchen wir nach Lösungen, tauschen Adressen von geschützten und geeigneten Wohngemeinschaften und Arbeitsplätzen aus. Alle wissen: was hier geredet wird, bleibt unter uns. Wir sind meist ein Grüppchen von 10 bis 15 Personen. Rund die Hälfte davon sind neue Ratsuchende. Von diesen kommen manche nur einige Male, andere aber immer wieder - je nach Bedürfnis und zeitlichen Möglichkeiten, die vor allem bei den Angehörigen von neu Erkrankten sehr beschränkt sind.
Obwohl alle mitmachen, gibt es für mich einige Herausforderungen: Was tun, wenn niemand einen Rat weiss? Was tun, wenn ich spüre, dass einige Mitglieder der Gruppe die Schwere eines neuen Schicksals fast nicht ertragen? Was, wenn die Stimmung gedrückt ist? In solchen Momenten fühle ich mich ohnmächtig. Ich brauche sehr viel Kraft, um die richtigen Worte zu finden und manchmal finde ich sie nicht. Das macht mich traurig und unzufrieden. Auch das Wissen um das oft jahrelange zermürbende Durchhalten, die ungewisse Zukunft, die Nöte und Ängste der schwierigen Patientinnen und Patienten, die so sehr geliebt werden und gleichzeitig oft nicht verstanden werden können, belastet mich bisweilen. Ich denke immer: Ihr Angehörige seid Helden. Ich habe Euch alle ins Herz geschlossen.
Es gibt auch Abende ohne neue Probleme. Alles scheint schon gesagt zu sein. Dann droht sich das Gespräch im Kreis zu drehen. Ich habe gelernt, für solche Fälle immer etwas Vorbereitetes in der Tasche zu haben: zum Beispiel über die richtige Kommunikation mit Ärzten, Bekannten, Freunden und vor allem mit unsern PatientInnen oder über unser Zukunft, über unsere "Freiräume trotz allem", über Schuldgefühle usw. Oft schlagen TeilnehmerInnen ein Thema vor. Mein Wunsch ist dann, dass alle für den nächsten Stamm darüber nachdenken und etwas beitragen. Themenzentrierte Abende sind sehr beliebt. Manchmal lädt unsere sehr engagierte Präsidentin Fachleute zur Vertiefung eines Themas ein. Ich erhalte von ihr viele Informationen über Tagungen und Vorträge, die ich fotokopiere und verteile. Auch die Zeitschrift Pro Mente Sana aktuell liefert uns viele Anregungen. Sehr oft gehen dann zwei oder drei Personen aus der Gruppe zusammen an einen Anlass. Manchmal treffen sich Angehörige, welche dieselben Probleme haben, ausserhalb der Gruppenabende zu einem lockeren Gespräch.
Oft merken wir nicht, wie schnell die Zeit vergeht und so wird es meistens etwas später als vorgesehen. Ich versuche, den Abend mit einigen wohltuenden Worten zu schliessen, so, als müsste ich die Probleme mit Hoffnung und Zuversicht überstreuen, als müsste ich mir selbst wieder Mut machen.