Soziales Netz
Fragen von Angehörigen und zu den Themen
Beziehungen und soziales Netz
- Wie finde ich eine Sinn stiftende Beschäftigung?
- Unser Sohn möchte wieder bei uns wohnen
- Unser Sohn verweigert jegliches Gespräch
- Ich habe Angst, mich zu trennen
- Unsere Tochter nimmt keine Hilfe an
Antworten aus der psychosozialen beratung
Wie finde ich eine Sinn stiftende Beschäftigung?
Frau M., 38, ist auf Grund immer wiederkehrender schwerer Depressionen aus dem Erwerbsleben herausgefallen. Viele Jahre war sie als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei tätig. Die krankheitsbedingten Ausfälle hatten jedoch dazu geführt, dass ihr, in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit, gekündigt wurde. Mit ihrer psychischen Einschränkung gelang es ihr nicht mehr, eine neue Stelle zu finden. Diese Situation löste erneut eine lange anhaltende Depression aus. Frau M. meldet sich auf unserem Beratungstelefon. Sie sucht dringend eine Beschäftigung, welche sie aus ihrem einsamen Alltag reisst.
Der Arbeitsplatz hatte für Frau M., nebst dem regelmässigen Verdienst, die wichtige Funktion, gesellschaftlich integriert zu sein. Sie hatte durch ihre berufliche Tätigkeit einen geregelten Alltag, traf Mitmenschen, fand Sinn und Bestätigung in ihrem Tun. Dies fällt nun alles weg. Es ist häufig so, dass der Verlust des Arbeitsplatzes die Krankheit verstärkt oder eine erneute Krise auslöst. Als erster Schritt ist es wichtig, dass sich Frau M. bei der Invalidenversicherung (IV) meldet. Es gibt IV-Programme diverser Anbieter, welche psychisch kranke Menschen bei einem beruflichen Wiedereinstieg unterstützen. Zum gleichen Zeitpunkt sollte auch eine Rentenabklärung beantragt werden. Die IV wird nicht in jedem Fall Hand zu einer Unterstützung bieten, es lohnt sich aber, diesen Weg zu versuchen. Für Frau M. ist dieser Schritt schwierig, da er für sie bedeutet: „Ich bin aufgrund meiner psychischen Erkrankung invalid". Trotz ihrer Not erlebt sie dies als kränkend. Allerdings hat sie jahrelang einen Anteil ihres Lohns bei der IV einbezahlt. Betrachtet sie es unter diesem Aspekt, kann sie für sich eine Anmeldung gutheissen. Ein entsprechender Kurzbrief an die IV-Stelle ihres Kantons (www.iv-stelle.ch) genügt als Anmeldung, worauf ihr die IV ein Formular zustellt. Falls sie dann beim Ausfüllen Unterstützung benötigt, wird sie sich an ihre Psychiaterin wenden.
Bei der IV ergeben sich meist Wartefristen. So ist es wichtig, dass Frau M. ganz aktuell schaut, wie sie ihre freie Zeit für sich sinngebend strukturieren kann. So gäbe es zum Beispiel die Möglichkeit, sich bei der Psychiatrischen Klinik ihrer Region zu erkundigen, ob es in der näheren Umgebung eine Tagesklinik gibt, in der sie halb- oder ganztags an einem Programm (häufig Ergotherapie, gemeinsames Kochen, Ausflüge etc.) teilnehmen könnte. Sinnvolle Beschäftigungsangebote vermittelt ausserdem die Freiwilligenorganisation „Benevol" (www.benevol.ch oder Telefon 052 620 37 51). Freiwillige können ganz gezielt ihre Kompetenzen (zum Beispiel Hilfe bei administrativen Arbeiten etc.) anderen Menschen zur Verfügung stellen und erfahren dabei - nebst einer befriedigenden Tätigkeit - Integration durch soziale Kontakte. Um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, gemeinsam etwas zu unternehmen oder sich gegenseitig mit hilfreichen Tipps oder Erfahrungen zu unterstützen, können Selbsthilfegruppen (www.kosch.ch oder Telefon 0848 810 814) genauso hilfreich sein wie Freizeittreffs für psychisch kranke Menschen (Beratungstelefon 0848 800 858).
Ursula Stocker und Sabina Bridler, psychosoziales Team Pro Mente Sana, PMS aktuell 09/4
Unser Sohn möchte wieder bei uns wohnen
"Unser Sohn ist 45 Jahre alt und leidet schon seit einigen Jahren an Depressionen. Jetzt wurde ihm deswegen die Stelle gekündigt, und er möchte wieder bei uns wohnen, weil er nichts mehr verdient. Aber mein Mann und ich sind auch schon über 70jährig. Wir haben Angst, überfordert zu sein, wenn unser Sohn wieder zu uns zieht."
Ihre Angst vor Überforderung ist berechtigt und Sie müssen diese ernst nehmen. Allerdings ist verständlich, dass Sie zwischen der Angst vor Überforderung und dem Wunsch, Ihren Sohn zu unterstützen hin und her gerissen sind.
Klären Sie für sich und gemeinsam mit Ihrem Partner, welche Hilfe Sie anbieten können. Das kann ein täglicher, zehnminütiger Telefonanruf bei Ihrem Sohn sein, in welchem Sie sich nach seinem Ergehen erkundigen und ihn motivieren, eine Fachperson aufzusuchen. Ermutigen Sie ihn, indem Sie ihm sagen, dass Depression behandelbar ist. Besteht bei einem Psychiater eine zu lange Wartefrist bis zum Erstgespräch, kann Ihr Sohn sich zur erstmaligen Behandlung an einen ambulanten Psychiatrischen Dienst wenden.
Vielleicht mögen Sie ihn zweimal in der Woche zum Mittagessen nach Hause einladen; möglicherweise aber auch nur einmal im Monat oder lieber gar nicht. Wichtig ist, dass Sie darauf achten, dass es für Sie nicht zu viel wird. Überforderte Angehörige sind für den Betroffenen auf die Dauer keine Hilfe; es ist also weder Ihnen noch Ihrem Sohn damit gedient, wenn Sie mehr Unterstützung anbieten, als sie tatsächlich zu leisten vermögen.
So lange Ihr Sohn arbeitsfähig ist, hat er Anspruch auf Arbeitslosengeld. Bei Arbeitsunfähigkeit (Krankschreibung) leistet die Fürsorge der Wohngemeinde finanzielle Unterstützung. In der telefonischen Rechtsberatung informieren unsere JuristInnen unentgeltlich über die entsprechende Rechtslage. In einer Depression kann es dem Betroffenen durchaus unmöglich sein, von sich aus zu telefonieren und sich über seine Rechte zu informieren. Wenn Sie in Absprache mit Ihrem Sohn stellvertretend für ihn telefonieren und die notwendigen Auskünfte einholen, ist das eine hilfreiche Unterstützung.
Während einer depressiven Phase kann Ihr Sohn möglicherweise seinen Haushalt nicht mehr selbstständig führen. Eine vom Arzt verordnete Haushalthilfe der Spitex kann weiter helfen. Zudem ist dies sinnvoller als die Wohnung zu kündigen; denn sobald es Ihrem Sohn besser geht und er wieder ausziehen will, muss er seine zurück gewonnenen Energien erst einmal in die Wohnungssuche investieren.
Vielleicht reagiert Ihr Sohn erst mal ungehalten, wenn Sie ihn nicht wieder bei sich wohnen lassen. Sagen Sie ihm, dass Sie ihn lieben und ihn sehr gerne unterstützen, aber vielleicht auf eine andere Art, als er sich das vorstellt. Das kann ganz schön schwierig sein. Da hilft manchmal das Gespräch mit anderen Angehörigen, die Ähnliches erleben, oder mit einer Fachperson, die Ihnen den Rücken stärkt.
Gaby Rudolf, psychosoziales Team Pro Mente Sana, PMS aktuell 07/2
Unser Sohn verweigert jegliches Gespräch
Frau M., verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern, macht sich Sorgen um ihren 19-jährigen Sohn L. Er hat vergangenes Jahr, kurz vor der Matura, die Schule abgebrochen und ist seither kaum mehr für irgendeine Aktivität zu gewinnen. Er verbringt die meiste Zeit in seinem Zimmer beim Fernsehen oder Computerspielen, raucht Cannabis und ist sozial völlig isoliert. Die Eltern hatten ihn vorerst gewähren lassen im Glauben, er werde nach diesem selbst gewählten time-out wieder Aktivität entwickeln, irgendwo eine Stelle annehmen oder eine andere Ausbildung beginnen. Ihre Hoffnung hat sich im Laufe der Monate jedoch zerschlagen. L. hat keine Idee, wie er sein zukünftiges Leben gestalten könnte, findet seine derzeitige Situation auch in keiner Weise beunruhigend und reagiert auf die verzweifelten Bemühungen seiner Eltern, mit ihm in ein Gespräch zu kommen oder ihn unter Druck zu setzen, bisweilen mit aggressiven Ausbrüchen.
Im Gespräch wird spürbar, wie stark die ganze Familie unter dieser auswegslosen Situation leidet. Für L.'s Verhalten gibt es aus fachlicher Sicht verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Sie reichen von einer vorübergehenden Krise im Rahmen des Erwachsenwerdens bis hin zu schwereren Störungen wie einer Depression oder einer sich entwickelnden Störung aus dem schizophrenen Formenkreis. Unerlässlich ist der Beizug einer Fachperson, die L.'s Befinden beurteilen kann.
Da L. bis anhin jedes Gespräch verweigerte, braucht es ein sehr transparentes und konsequentes Vorgehen der Eltern. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, dass die ganze Familie zusammensitzt. Die einzelnen Familienmitglieder können dann ihre Sorgen in aller Ruhe erläutern. Anschliessend müsste ausgehandelt werden, unter welchen Bedingungen L. weiterhin im Familienverband bleiben kann und welche Konsequenzen eine andauernde Verweigerungshaltung hätte. Manchmal gelingt es, mit zähen Verhandlungen einen Schritt zu erwirken, manchmal führt der Druck jedoch auch zu einer Eskalation, in deren Verlauf der oder die NotfallpsychiaterIn beigezogen werden muss. Es ist dies für alle Beteiligten sicher die dramatischste aller Möglichkeiten. Im Nachhinein wird sie jedoch oft als unumgänglicher Schritt hin zu einer positiven Wende empfunden.
Der Austausch mit anderen Angehörigen, die Ähnliches erlebt haben, kann ebenso hilfreich und entlastend sein wie das Aufsuchen einer Fachstelle.
Sabina Bridler, psychosoziales Team Pro Mente Sana, PMS aktuell 05/4
Ich habe Angst, mich zu trennen
Frau L. ist 24 Jahre alt und seit fünf Jahren mit ihrem gleichaltrigen Freund zusammen. Frau L.s Freund hat eine schwierige, von Lieblosigkeit und Aggression geprägte Lebensgeschichte und entsprechend immer wieder Zeiten, in denen es ihm psychisch sehr schlecht geht. Er zieht sich dann zurück, konsumiert Cannabis, verhält sich gereizt, findet alles sinnlos. Auf Anraten seiner Freundin hat er einmal eine Therapie begonnen, diese aber bereits nach wenigen Stunden wieder abgebrochen, weil er fand, dass das „ewige Reden" ihm nichts bringe. Frau L. geriet durch die belastende Beziehungssituation selbst immer mehr in eine Erschöpfung und fühlt sich manchmal depressiv und freudlos. Immer mehr hat sie dann den Wunsch allein zu sein, wieder einmal einfach nur für sich zu schauen. Sich von ihrem Freund zu trennen, scheint ihr unmöglich, da sie seit Jahren die einzige Bezugsperson für ihn ist und weil sie befürchtet, dass er nach einer Trennung noch ganz „abstürzen" und sich vielleicht sogar etwas antun würde.
Im Beratungsgespräch wird deutlich, was die junge Frau in den vergangenen fünf Jahren für ihren Freund getan hat, wie viel sie ausgehalten, wie vielfältig sie ihn unterstützt hat. Sie selbst hat dadurch ihren Freundeskreis stark vernachlässigt, ihre Hobbies aufgegeben und auf eine berufliche Fortbildung verzichtet, da diese zu zeitintensiv gewesen wäre. In der Hoffnung, dass diese ausschliessliche Konzentration auf ihren Freund und seine Bedürfnisse irgendwann zu einer Stabilisierung seines psychischen Zustandes führen würde, hat sie ihre eigenen Bedürfnisse vollständig in den Hintergrund gestellt - funktioniert hat dies jedoch leider nicht.
Ich empfehle ihr, fachliche Hilfe aufzusuchen, um sich selbst und ihren Bedürfnissen wieder einen Raum zu geben und mit einer aussen stehenden Person zu klären, was ihr wirklicher Wunsch im Bezug auf ihre Lebenssituation ist. Sind es nur noch Mitleid, Ängste und Schuldgefühle, die sie bei ihrem Freund halten? Würde sie selbst in ein Loch fallen wenn die Aufgabe, sich um ihren psychisch kranken Freund zu kümmern, entfallen würde? Wie kann sie - mit oder ohne Beziehung - ihr Leben so gestalten, dass sie sich in persönlicher und beruflicher Hinsicht weiter entwickeln kann und ihre eigenen Wünsche nicht zu kurz kommen?
Ob sie sich nun für oder gegen das Weiterführen dieser Beziehung entscheidet: die Verantwortung für das Leben und die Gesundung ihres Freundes kann sie in jedem Fall nicht tragen. Die Entscheidung, ob sich in seinem Leben etwas ändern soll - etwa indem er noch einmal versucht, eine geeignete Psychotherapie zu finden - liegt in seinen Händen. Die Entscheidung, ob sie ihn dabei begleiten möchte, liegt in den ihrigen.
Sabina Bridler, psychosoziales Team Pro Mente Sana, PMS aktuell 05/2
Unsere Tochter nimmt keine Hilfe an
"Unsere Tochter ist vierzig und lebt im Haus nebenan. Obwohl es ihr oft schlecht geht, kommt sie ihrer Halbtagsarbeit meist nach. Vor zwei Jahren war sie einige Wochen in der Klinik, nahm danach für einige Zeit ein Neuroleptikum. Jetzt will sie keine Hilfe mehr, ruft uns aber bis spät in der Nacht an, klagt und erzählt seltsame Dinge. Oft steht sie vor dem Haus, schreit herum und ruft, wir seien an allem schuld. Wir möchten ihr helfen, sind aber schon alt."
In vielen Fällen ruft nicht die Betroffene selber, sondern die Mutter uns an. Im Verlauf des Gesprächs zeigt sich, dass sich die Tochter offenbar seit einigen Jahren "auffällig" verhält, sich oft bedrängt oder sogar bedroht fühlt. Einmal ist es zu einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik gekommen, wo bei der Tochter eine psychotische Erkrankungen diagnostiziert wurde. Die Neuroleptika nimmt sie schon lange nicht mehr. Ein Hausarzt und der ehemals behandelnde Psychiater meinen laut der Mutter, da könne man nichts machen.
Wichtig ist, die Eltern zu beraten und zu stützen. Gleichzeitig machen wir uns ein Bild über den Zustand der Tochter. Die Eltern haben schon vieles probiert, beispielsweise nach 22 Uhr das Telefon nicht mehr abzunehmen. Es ist auch nicht klar, was denn die Tochter genau will, wenn sie dann lärmend vor dem Haus steht. Der Ausruf: "Ihr seid an allem schuld...", trifft die Eltern. Wir versuchen, im Gespräch mit der Mutter herauszufinden, welche Arten von Kommunikation und Grenzsetzung gegenüber der Tochter sich bisher eher bewährt haben und welche nicht. Entlastend ist es für die Eltern zu hören, dass sie durchaus ein Recht auf ihre Ruhe haben, dass sie dies der Tochter trotz der psychischen Störung ehrlich und klar sagen dürfen. Auch Selbsthilfegruppen für Angehörige von psychisch Kranken sind hilfreich. Wir besprechen mit den Eltern auch, wie sie sich in einem Notfall verhalten könnten.
Oft gibt es neben den Eltern weitere Personen, die stützend oder auch motivierend auf die Tochter einwirken könnten, den Kontakt halten können: Nachbarn, Kolleginnen, nicht zuletzt der Hausarzt, der die Patientin ja manchmal noch sieht. Hilfe und Unterstützung geben auch sozialpsychiatrische Beratungsstellen oder die Spitex, wo zunehmend aufsuchende Angebote entstehen.
Philipp Nanzer, psychosoziales Team Pro Mente Sana, PMS aktuell 02/2