Beziehungsfragen, Kontakte und Vernetzung

Ich bin mit der Krankheit meiner Frau überfordert

Meine Frau ist seit Jahren depressiv, war aber nie in Behandlung. Nun ist sie während zwei Tagen an einem Wochenende völlig durchgedreht. Sie hat die ganze Wohnung "auseinander genommen" und ich durfte mich ihr überhaupt nicht mehr nähern. Ich habe dann unseren Hausarzt gerufen und der hat über die Notfallnummer einen FFE (fürsorgerischen Freiheitsentzug) erwirkt. Meine Frau kam auf die geschlossene Abteilung einer kantonalen psychiatrischen Klinik. Bereits einen Tag später hatte ich ein Gespräch mit dem zuständigen Oberarzt. Der meinte, meine Frau solle übers Wochenende jeweils wieder nachhause kommen. Da war sie nun auch und es war die Hölle für mich. Sie wanderte die ganze Zeit unruhig in der Wohnung umher, war nervös und gereizt. Auch schien mir ein "normales" Gespräch nicht möglich, sie wirkte zwar angetrieben, aber in sich versunken und weit weg. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen. Auch meine Schwägerin war schwer depressiv und hat sich vor drei Jahren das Leben genommen. Ich möchte meine Frau in diesem Zustand nicht mehr zuhause haben, ich bin völlig überfordert und habe Angst, dass etwas passiert.


Ihre Not ist sehr gut zu verstehen, sie scheinen mit der Erkrankung ihrer Frau zurzeit überfordert zu sein. Es ist wichtig, dass Sie das den Behandelnden in der Klinik rückmelden. Es kann gut sein, dass sich Ihre Frau im sicheren Rahmen der Station anders verhält als bei Ihnen zuhause, was das Behandlungsteam vielleicht nicht weiss. Und es ist auch durchaus möglich, dass es noch zu früh für Heimurlaube ist. In der stationären Behandlung von psychisch erkrankten Menschen achtet man heute sehr stark darauf, dass diese neben der Behandlung in der Klinik möglichst bald Zeit in ihrem heimischen Umfeld verbringen können, damit es nicht zu Entfremdung und Isolation kommt. Auch ist es wichtig, dass Betroffene sich, auch wenn sie vielleicht noch nicht ganz genesen sind, wieder im heimischen Alltag integrieren und zurechtfinden, da sie dahin ja auch zurückkehren sollen, wenn es ihnen besser geht. Angehörige spielen dabei natürlich eine zentrale Rolle.


Gerade deshalb ist es sinnvoll, dass sie sich über die Erkrankung ihrer Frau genau informieren, damit Sie wissen, was Ihre Frau plagt, und ihr Verhalten besser einordnen können. Sie können sich aber auch selber Hilfe holen. Dies kann etwa durch einen eigenen Psychotherapeuten bzw. eine Psychotherapeutin geschehen, der oder die sie in dieser schwierigen Zeit ganz konkret begleiten und unterstützen kann.


Vielleicht führt die akute Krankheits-Situation Ihrer Frau auch längerfristig zu Veränderungen in ihrer Beziehung und ihrem Leben, welche sie nicht zwingend alleine bewältigen müssen. Ich würde Ihnen auch den Besuch einer Selbsthilfegruppe für Angehörige wärmstens empfehlen. Zu wissen, dass sie nicht alleine sind mit Ihren Schwierigkeiten, kann schon sehr entlastend wirken. Auch würden Sie dort von den Erfahrungen, die andere in ähnlichen Situationen gemacht haben, profitieren können.


Wenn Sie Angst haben, dass sich Ihre Frau etwas antun könnte, müssen sie das unbedingt mit den Verantwortlichen in der Klinik besprechen, damit diese die Situation professionell beurteilen können. Es ist keineswegs immer so, dass depressive Menschen sich umbringen möchten, aber Hinweise und Befürchtungen müssen in jedem Fall ernst genommen und Risiken minimiert werden.

Konflikt mit der Psychiaterin

Seit fünf Jahren bekomme ich eine volle IV-Rente. Ein Freund von mir führt ein Elektrofachgeschäft und hat mir angeboten, bei ihm wöchentlich drei bis vier Stunden im Verkauf zu arbeiten, da ich auf der Suche nach Möglichkeiten bin, mit "Gesunden" zusammen zu sein. Meine Psychiaterin findet aber, ich solle diesen Job auf keinen Fall annehmen, vergangene Woche hat sie sogar angedroht, die Behandlung abzubrechen, wenn ich gegen ihren Rat handle. Dieses Ultimatum bringt mich total in die Krise.


Vielleicht ist es hilfreich, zunächst einmal zu verstehen, dass dieses Dilemma wirklich existentiell sein kann. Wir Menschen sind soziale Wesen und haben den Wunsch nach Beziehungen. Gleichzeitig möchten wir durch soziale Kontakte auch in unserem Selbstwert gestärkt werden und angenehme, lustvolle Erfahrungen erwirken. Das Problem ist, dass sich nicht immer alle Bedürfnisse gleichzeitig stillen lassen. Besonders schwierig wird es, wenn unser Bedürfnis nach Lustgewinn und Selbstwertsicherung zwar gestillt ist, dabei aber eine Beziehung auf dem Spiel steht. Der Job im Geschäft Ihres Freundes ermöglicht Ihnen angenehme Stunden und stärkt Ihren Selbstwert, gleichzeitig gefährdet er eine für Sie bis anhin wichtige Beziehung, die wesentlich zu Ihrer jetzigen Stabilität beigetragen hat.


Ich empfehle Ihnen, nochmals das Gespräch mit der Psychiaterin zu suchen und dieser Ihr Dilemma zu schildern. Sagen Sie ihr, dass Sie gerne weiterhin zu Gesprächen zu ihr kommen möchten, da Sie diese Beziehung bisher als unterstützend erfahren haben. Machen Sie aber auch deutlich, warum für Sie der Versuch, im Geschäft Ihres Freundes zu arbeiten, so wichtig ist. In Ihrem Leben scheint sich etwas verändert zu haben, dessen Bedeutung Ihrer Ärztin vielleicht entgangen ist. Bitten Sie die Ärztin, Ihnen noch einmal ihre Bedenken zu erläutern und prüfen Sie, ob darin ein "Körnchen Wahrheit" liegen könnte, das Sie beherzigen sollten. Möglicherweise bringt ein Gespräch zu dritt (Sie, die Ärztin, Ihr Freund) eine Klärung. Bleibt die Ärztin bei ihrer Drohung, müssen Sie sich für den Weg entscheiden, der Sie am meisten stärkt. Gehen bei solchen Entscheidungen Beziehungen auseinander, tut das immer weh. Es ist in Ordnung, darob traurig zu sein und dennoch dürfen Sie sich in Ihrem Leben für den Weg entscheiden, der Ihnen richtig erscheint.

Ich habe Angst, mich zu trennen

Frau L. ist 24 Jahre alt und seit fünf Jahren mit ihrem gleichaltrigen Freund zusammen. Frau L.s Freund hat eine schwierige, von Lieblosigkeit und Aggression geprägte Lebensgeschichte und entsprechend immer wieder Zeiten, in denen es ihm psychisch sehr schlecht geht. Er zieht sich dann zurück, konsumiert Cannabis, verhält sich gereizt, findet alles sinnlos. Auf Anraten seiner Freundin hat er einmal eine Therapie begonnen, diese aber bereits nach wenigen Stunden wieder abgebrochen, weil er fand, dass das "ewige Reden" ihm nichts bringe. Frau L. geriet durch die belastende Beziehungssituation selbst immer mehr in eine Erschöpfung und fühlt sich manchmal depressiv und freudlos. Immer mehr hat sie dann den Wunsch allein zu sein, wieder einmal einfach nur für sich zu schauen. Sich von ihrem Freund zu trennen, scheint ihr unmöglich, da sie seit Jahren die einzige Bezugsperson für ihn ist und weil sie befürchtet, dass er nach einer Trennung noch ganz "abstürzen" und sich vielleicht sogar etwas antun würde.


Im Beratungsgespräch wird deutlich, was die junge Frau in den vergangenen fünf Jahren für ihren Freund getan hat, wie viel sie ausgehalten, wie vielfältig sie ihn unterstützt hat. Sie selbst hat dadurch ihren Freundeskreis stark vernachlässigt, ihre Hobbies aufgegeben und auf eine berufliche Fortbildung verzichtet, da diese zu zeitintensiv gewesen wäre. In der Hoffnung, dass diese ausschliessliche Konzentration auf ihren Freund und seine Bedürfnisse irgendwann zu einer Stabilisierung seines psychischen Zustandes führen würde, hat sie ihre eigenen Bedürfnisse vollständig in den Hintergrund gestellt - funktioniert hat dies jedoch leider nicht.


Ich empfehle ihr, fachliche Hilfe aufzusuchen, um sich selbst und ihren Bedürfnissen wieder einen Raum zu geben und mit einer aussen stehenden Person zu klären, was ihr wirklicher Wunsch im Bezug auf ihre Lebenssituation ist. Sind es nur noch Mitleid, Ängste und Schuldgefühle, die sie bei ihrem Freund halten? Würde sie selbst in ein Loch fallen wenn die Aufgabe, sich um ihren psychisch kranken Freund zu kümmern, entfallen würde? Wie kann sie - mit oder ohne Beziehung - ihr Leben so gestalten, dass sie sich in persönlicher und beruflicher Hinsicht weiter entwickeln kann und ihre eigenen Wünsche nicht zu kurz kommen?


Ob sie sich nun für oder gegen das Weiterführen dieser Beziehung entscheidet: die Verantwortung für das Leben und die Gesundung ihres Freundes kann sie in jedem Fall nicht tragen. Die Entscheidung, ob sich in seinem Leben etwas ändern soll - etwa indem er noch einmal versucht, eine geeignete Psychotherapie zu finden - liegt in seinen Händen. Die Entscheidung, ob sie ihn dabei begleiten möchte, liegt in den ihrigen.