Fragen von Angehörigen

Unser Sohn möchte wieder bei uns wohnen

Unser Sohn ist 45 Jahre alt und leidet schon seit einigen Jahren an Depressionen. Jetzt wurde ihm deswegen die Stelle gekündigt, und er möchte wieder bei uns wohnen, weil er nichts mehr verdient. Aber mein Mann und ich sind auch schon über 70jährig. Wir haben Angst, überfordert zu sein, wenn unser Sohn wieder zu uns zieht.


Ihre Angst vor Überforderung ist berechtigt und Sie müssen diese ernst nehmen. Allerdings ist verständlich, dass Sie zwischen der Angst vor Überforderung und dem Wunsch, Ihren Sohn zu unterstützen hin und her gerissen sind.


Klären Sie für sich und gemeinsam mit Ihrem Partner, welche Hilfe Sie anbieten können. Das kann ein täglicher, zehnminütiger Telefonanruf bei Ihrem Sohn sein, in welchem Sie sich nach seinem Ergehen erkundigen und ihn motivieren, eine Fachperson aufzusuchen. Ermutigen Sie ihn, indem Sie ihm sagen, dass Depression behandelbar ist. Besteht bei einem Psychiater eine zu lange Wartefrist bis zum Erstgespräch, kann Ihr Sohn sich zur erstmaligen Behandlung an einen ambulanten Psychiatrischen Dienst wenden.


Vielleicht mögen Sie ihn zweimal in der Woche zum Mittagessen nach Hause einladen; möglicherweise aber auch nur einmal im Monat oder lieber gar nicht. Wichtig ist, dass Sie darauf achten, dass es für Sie nicht zu viel wird. Überforderte Angehörige sind für den Betroffenen auf die Dauer keine Hilfe; es ist also weder Ihnen noch Ihrem Sohn damit gedient, wenn Sie mehr Unterstützung anbieten, als sie tatsächlich zu leisten vermögen.


So lange Ihr Sohn arbeitsfähig ist, hat er Anspruch auf Arbeitslosengeld. Bei Arbeitsunfähigkeit (Krankschreibung) leistet die Fürsorge der Wohngemeinde finanzielle Unterstützung. In der telefonischen Rechtsberatung informieren unsere JuristInnen unentgeltlich über die entsprechende Rechtslage. In einer Depression kann es dem Betroffenen durchaus unmöglich sein, von sich aus zu telefonieren und sich über seine Rechte zu informieren. Wenn Sie in Absprache mit Ihrem Sohn stellvertretend für ihn telefonieren und die notwendigen Auskünfte einholen, ist das eine hilfreiche Unterstützung.


Während einer depressiven Phase kann Ihr Sohn möglicherweise seinen Haushalt nicht mehr selbstständig führen. Eine vom Arzt verordnete Haushalthilfe der Spitex kann weiter helfen. Zudem ist dies sinnvoller als die Wohnung zu kündigen; denn sobald es Ihrem Sohn besser geht und er wieder ausziehen will, muss er seine zurück gewonnenen Energien erst einmal in die Wohnungssuche investieren.


Vielleicht reagiert Ihr Sohn erst mal ungehalten, wenn Sie ihn nicht wieder bei sich wohnen lassen. Sagen Sie ihm, dass Sie ihn lieben und ihn sehr gerne unterstützen, aber vielleicht auf eine andere Art, als er sich das vorstellt. Das kann ganz schön schwierig sein. Da hilft manchmal das Gespräch mit anderen Angehörigen, die Ähnliches erleben, oder mit einer Fachperson, die Ihnen den Rücken stärkt.

Unser Sohn verweigert jegliches Gespräch

Frau M., verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern, macht sich Sorgen um ihren 19-jährigen Sohn L. Er hat vergangenes Jahr, kurz vor der Matura, die Schule abgebrochen und ist seither kaum mehr für irgendeine Aktivität zu gewinnen. Er verbringt die meiste Zeit in seinem Zimmer beim Fernsehen oder Computerspielen, raucht Cannabis und ist sozial völlig isoliert. Die Eltern hatten ihn vorerst gewähren lassen im Glauben, er werde nach diesem selbst gewählten time-out wieder Aktivität entwickeln, irgendwo eine Stelle annehmen oder eine andere Ausbildung beginnen. Ihre Hoffnung hat sich im Laufe der Monate jedoch zerschlagen. L. hat keine Idee, wie er sein zukünftiges Leben gestalten könnte, findet seine derzeitige Situation auch in keiner Weise beunruhigend und reagiert auf die verzweifelten Bemühungen seiner Eltern, mit ihm in ein Gespräch zu kommen oder ihn unter Druck zu setzen, bisweilen mit aggressiven Ausbrüchen.


Im Gespräch wird spürbar, wie stark die ganze Familie unter dieser auswegslosen Situation leidet. Für L.'s Verhalten gibt es aus fachlicher Sicht verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Sie reichen von einer vorübergehenden Krise im Rahmen des Erwachsenwerdens bis hin zu schwereren Störungen wie einer Depression oder einer sich entwickelnden Störung aus dem schizophrenen Formenkreis. Unerlässlich ist der Beizug einer Fachperson, die L.'s Befinden beurteilen kann.


Da L. bis anhin jedes Gespräch verweigerte, braucht es ein sehr transparentes und konsequentes Vorgehen der Eltern. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, dass die ganze Familie zusammensitzt. Die einzelnen Familienmitglieder können dann ihre Sorgen in aller Ruhe erläutern. Anschliessend müsste ausgehandelt werden, unter welchen Bedingungen L. weiterhin im Familienverband bleiben kann und welche Konsequenzen eine andauernde Verweigerungshaltung hätte. Manchmal gelingt es, mit zähen Verhandlungen einen Schritt zu erwirken, manchmal führt der Druck jedoch auch zu einer Eskalation, in deren Verlauf der oder die NotfallpsychiaterIn beigezogen werden muss. Es ist dies für alle Beteiligten sicher die dramatischste aller Möglichkeiten. Im Nachhinein wird sie jedoch oft als unumgänglicher Schritt hin zu einer positiven Wende empfunden.


Der Austausch mit anderen Angehörigen, die Ähnliches erlebt haben, kann ebenso hilfreich und entlastend sein wie das Aufsuchen einer Fachstelle.

Unsere Tochter nimmt keine Hilfe an

Unsere Tochter ist vierzig und lebt im Haus nebenan. Obwohl es ihr oft schlecht geht, kommt sie ihrer Halbtagsarbeit meist nach. Vor zwei Jahren war sie einige Wochen in der Klinik, nahm danach für einige Zeit ein Neuroleptikum. Jetzt will sie keine Hilfe mehr, ruft uns aber bis spät in der Nacht an, klagt und erzählt seltsame Dinge. Oft steht sie vor dem Haus, schreit herum und ruft, wir seien an allem schuld. Wir möchten ihr helfen, sind aber schon alt.


In vielen Fällen ruft nicht die Betroffene selber, sondern die Mutter uns an. Im Verlauf des Gesprächs zeigt sich, dass sich die Tochter offenbar seit einigen Jahren "auffällig" verhält, sich oft bedrängt oder sogar bedroht fühlt. Einmal ist es zu einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik gekommen, wo bei der Tochter eine psychotische Erkrankungen diagnostiziert wurde. Die Neuroleptika nimmt sie schon lange nicht mehr. Ein Hausarzt und der ehemals behandelnde Psychiater meinen laut der Mutter, da könne man nichts machen.


Wichtig ist, die Eltern zu beraten und zu stützen. Gleichzeitig machen wir uns ein Bild über den Zustand der Tochter. Die Eltern haben schon vieles probiert, beispielsweise nach 22 Uhr das Telefon nicht mehr abzunehmen. Es ist auch nicht klar, was denn die Tochter genau will, wenn sie dann lärmend vor dem Haus steht. Der Ausruf: "Ihr seid an allem schuld...", trifft die Eltern. Wir versuchen, im Gespräch mit der Mutter herauszufinden, welche Arten von Kommunikation und Grenzsetzung gegenüber der Tochter sich bisher eher bewährt haben und welche nicht. Entlastend ist es für die Eltern zu hören, dass sie durchaus ein Recht auf ihre Ruhe haben, dass sie dies der Tochter trotz der psychischen Störung ehrlich und klar sagen dürfen. Auch Selbsthilfegruppen für Angehörige von psychisch Kranken sind hilfreich. Wir besprechen mit den Eltern auch, wie sie sich in einem Notfall verhalten könnten.


Oft gibt es neben den Eltern weitere Personen, die stützend oder auch motivierend auf die Tochter einwirken könnten, den Kontakt halten können: Nachbarn, Kolleginnen, nicht zuletzt der Hausarzt, der die Patientin ja manchmal noch sieht. Hilfe und Unterstützung geben auch sozialpsychiatrische Beratungsstellen oder die Spitex, wo zunehmend aufsuchende Angebote entstehen.

Burnout – was kann ich für meine Tochter tun?

Ich mache mir grosse Sorgen um meine Tochter. Sie ist Mitte 30 und seit einigen Jahren selbstständigerwerbend. Sie ist beruflich sehr engagiert und ehrgeizig. Unser Kontakt war bisher bestens. Doch in den letzten Monaten sagt sie zunehmend ab, angeblich weil sie viel Arbeit hat. Beim letzten Treffen bin ich erschrocken darüber, wie müde, abwesend und abgemagert sie wirkte. Wenn ich sie darauf anspreche, reagiert sie eher abweisend und betont, dass sie halt in einer stressigen Phase sei und deswegen schlecht schlafe. Ihr Partner teilte mir mit, dass sie zu Hause kaum mehr etwas mache, weil sie so müde sei. Darunter leide die Partnerschaft. Was kann ich tun?

 

Ihre Tochter scheint in einer anhaltenden Stresssituation ohne Aussicht auf Entlastung zu stecken, die das Risiko eines Burnouts in sich birgt. Dieser Erschöpfungszustand ist gekennzeichnet durch chronische Müdigkeit, die auch nach Erholung nicht verschwindet. Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörungen und Entscheidungsunfähigkeit sind häufig. Typisch sind Gefühle von innerer Leere oder Unruhe, Sinnlosigkeit, Gereiztheit sowie Abstumpfung. Sozialer Rückzug ist häufig die Konsequenz. Belastungsfaktoren sind sowohl in der Arbeitssituation zu suchen wie auch bei Persönlichkeitsmerkmalen. Ein Burnout entwickelt sich oft über Monate oder Jahre. Besonders gefährdet sind pflichtbewusste und perfektionistisch veranlagte Menschen. Sie empfinden sich als aktiv, zupackend, dynamisch und erhalten für ihre Leistungsbereitschaft oft Anerkennung. Aus Angst, als „Versagerin“ oder „Schwächling“ zu gelten, ignorieren betroffene Menschen lange die Signale von Körper und Seele. Deshalb machen sie weiter bis zum totalen Ausbrennen, das sich in einem körperlichen Zusammenbruch äussern kann bis hin zum Suizid.

 

Sprechen Sie Ihre Tochter konkret auf diese Symptome an und äussern Sie Ihre Beobachtungen, allenfalls gemeinsam mit dem Lebenspartner. Sie können sie auf Selbsttests im Internet hinweisen (www.swiss-burnout.ch). Vielleicht wecken Sie so ihr Interesse, sich zu informieren. Achtsamkeitstechniken sind förderlich für den Umgang mit Stress. Für Ihre Tochter ist es sinnvoll, ihre Arbeitsweise und Ambitionen in einem Coaching oder einer Therapie zu reflektieren. Wichtig ist, sich beim Hausarzt bzw. bei der Hausärztin über eine (evtl. auch stationäre) Behandlung zu erkundigen. Sie sollte sich auch über Möglichkeiten der finanziellen Überbrückung einer unbezahlten Auszeit als Selbstständigerwerbende beraten lassen.

 

Schliesslich gilt es, als Angehörige auf Ihre Ressourcen zu achten. Tun Sie sich etwas Gutes oder holen sich selbst Unterstützung.

 

Thomas Bögli, Dipl. in Sozialer Arbeit FH, Psychosoziales Team Pro Mente Sana, PMS Aktuell 15/2