Umgang mit Medikamenten

Verunsicherung durch Studie zu Antidepressiva

Eine Frau, deren Sohn unter Depressionen leidet, hat in der Zeitung gelesen, dass Antidepressiva nicht besser wirken als Scheinmedikamente (Placebos). Sie möchte wissen, was von dieser Studie zu halten ist. Sie weiss noch von anderen Studien, welche zudem belegen, dass Antidepressiva die Zähne angreifen. Ihre Hoffnung ist, dass ihr Sohn auch ohne diese Medikamente auskommt. In der Depression sei er zu passiv, als dass er an seiner Situation etwas zu ändern wünsche. Sie will wissen, wie man die Medikamente am besten absetzt.


Beim Gespräch wird herausgearbeitet, dass ihre Frage mehrere Themen umfasst. Das erste Thema sind die Studien, welche sehr verunsichern. Das Schwierige ist, die Aussagen der Studien zu interpretieren. Bei der fraglichen Untersuchung wurden 35 von Pharmafirmen vorgelegte Studien, die zur Zulassung von verschiedenen Antidepressiva eingereicht wurden, miteinander verglichen. Dabei wurde festgestellt, dass diese Medikamente bei leichten Depressionen zwar etwas besser wirken als Placebos, dass der Unterschied statistisch jedoch nicht so relevant ist, wie man erwarten würde. Die Wirkung bei starken Depressionen wird in dieser Studie nicht bestritten. Was nicht untersucht wurde, ist die Wirkung von Gesprächstherapie und Selbsthilfe.


Welche Schlüsse man aus dem Bericht über diese Untersuchung zieht, hängt auch von der persönlichen Ansicht, Situation oder Erfahrung ab. Wer seine Medikamente als hilfreich empfindet, wird den Zeitungsartikel anders lesen als jemand, dessen Depressionen trotz Antidepressiva seit langem unerträglich sind. Manche LeserInnen wiederum sehen in der Studie den Beweis für eine internationale Verschwörung der Pharmaindustrie.


Das zweite Anliegen, nämlich der Wunsch der Mutter, ihrem Sohn die Medikamente zu ersparen, ist sehr verständlich. Ist der Sohn jedoch mit den Medikamenten zufrieden, gilt es sorgfältig zu prüfen, ob die Mutter ihren Wunsch durchsetzen sollte. Was ist, wenn der Sohn sich infolge der Depression nicht wehren kann? Damit sind wir beim dritten Thema dieses Beratungsgesprächs: Wie geht man als Mutter mit der Depression des Sohnes um? Angehörige fühlen sich oft allein gelassen. Sie möchten Informationen und brauchen Hilfestellungen. Diese bekommen sie von den behandelnden ÄrztInnen nur selten. Was die Angehörigen von ihren betroffenen Mitmenschen hören, ist zudem oft nicht dasselbe, das die ÄrztInnen von diesen PatientInnen hören. Gerade solche Studien sorgen für Verunsicherung zwischen PatientInnen, Angehörigen und ÄrztInnen.


Wenn diese Artikel in der Tageszeitung bei Ihnen Zweifel ausgelöst haben, sprechen Sie mit dem verschreibenden Arzt bzw. der Ärztin, und konfrontieren Sie diese mit den Berichten. Setzen Sie die Medikamente nicht einfach ab, sondern besprechen Sie ihren Wunsch mit dem Arzt bzw. der Ärztin und lassen Sie sich darüber informieren, was beim Absetzen passieren kann und was Sie tun können, wenn die Symptome wiederkehren.