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Kolumne Constantin Seibt

Der, der du niemals sein wirst

Wir freuen uns sehr, dass Sie ab sofort an dieser Stelle regelmässig dem Blog von Reporter Constantin Seibt (Original: www.republik.ch) folgen können. In seiner Kolumne «Der, der du niemals sein wirst» schreibt er auf persönliche und inspirierende Weise über seine Gedanken als Mensch mit ADHS-Diagnose.
 
Auf die Frage, was wir von ihm wissen müssen, zitieren wir folgenden Satz:

«Falls Sie mich kennen wollen, genügt Folgendes: Als Kind fand man mich nie, weil ich in in irgendeiner Ecke verkrochen Abenteuerromane las. Das bin ich bis heute: Ein schüchterner Mensch mit einem abenteuerlichen Herzen.»

Die Wette

Wie verändert sich das Leben, wenn man mit 50 die Diagnose bekommt, eine nicht ganz harmlose psychische Störung zu haben? – Der Pilot zur Kolumne.

 

Von Constantin Seibt, 13.02.2020

 

«Run, you clever boy, run!»
Clara Oswin Oswald zu Doctor Who, in «Asylum of the Daleks»

Am Ende der ersten Sitzung faltete meine Psychiaterin einen Stoss Fragebögen zusammen. Dann zögerte sie.

«Herr Seibt – sind Sie sicher, dass Sie über sich Bescheid wissen wollen?»

«Warum sollte ich nicht?»

«Sie haben 50 Jahre lang Ihr Leben auch ohne Diagnose auf die Reihe bekommen.»

«Was wäre das Risiko?»

«Es könnte Sie ernüchtern. Nach einer Diagnose verliert die Welt oft viel von ihrem Zauber.»

Ich lachte. «Wenn Sie in diesem Land einen wirklich kompetenten Spezialisten für die Verzauberung von Tatsachen suchen, dann bin ich das.»

Meine Psychiaterin warf ein neutrales Lächeln zurück.

Dann sagte sie: «Na dann – viel Glück.» Und steckte die gefalteten Fragebögen in einen ebenso neutralen Umschlag.

 

Sabotage

Folge 1 – warum mit der Diagnose ADHS wenig anderes übrig bleibt, als zu sagen: fuck Statistik! Und gegen die Wahrscheinlichkeit zu leben.

 

Von Constantin Seibt, 13.02.2020

 

«Wer hat Ihnen befohlen zu denken? Ich gebe Ihnen gar nicht genug Informationen, dass es sich für Sie lohnt, zu denken!»
Gouverneur Cohaagen, in «Total Recall»

Ihr Gehirn.

So simpel gestrickt es oft scheint – es ist der komplexeste bisher bekannte Gegenstand im Universum. Ein Netz aus 86 Milliarden sich ständig umbauenden Nerven­zellen, pausenlos aktiv, betrieben mit der Energie einer 20-Watt-Glühbirne, dazu ein höchst autistisches Gebilde – Ihre Sinnes­organe füttern nur einen erstaunlich kleinen Teil seiner Kommunikation; bevorzugt redet Ihr Gehirn mit sich selbst.

Der Teil, der Sie zu einem erwachsenen, verlässlichen, erfolgreichen, zumindest gesellschafts­fähigen Menschen macht, befindet sich wenige Zentimeter hinter Ihrer Stirn, im entwicklungs­geschichtlich jüngsten Teil Ihres Gehirns, im präfrontalen Kortex.

Hier sitzen Ihre exekutiven Funktionen. Sie sind zuständig für Prioritäten, Ziele, Strategien und das Arbeits­gedächtnis – und damit für Selbst­disziplin, Zeitplanung, Selbst­beurteilung und Selbst­korrektur.

Und hier sitzt auch ein fest installiertes Sabotage­system. Jedenfalls, wenn Sie ADHS haben. Es tut seinen Job, indem es das chemische Übermittlungs­system von Nervenzelle zu Nervenzelle lahmlegt.