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Das Stiefkind der Gesellschaft

Psychische Krisen sind Herausforderungen für die Gesellschaft. Was wir tun können, um Menschen in psychischer Not besser zu unterstützen.

«Als ich vor einigen Jahren in eine schwere Krise geriet, habe ich lange gezögert, bis ich mich einer Freundin anvertraute », erzählt mir Rita Mangold*. Damals Mitte 40, war sie gerade von ihrem langjährigen Lebenspartner verlassen worden und hatte grosse Probleme mit ihrer neuen Arbeitskollegin, mit der sie das Büro teilte. Von ihrem Chef, für den sie schon seit 15 Jahren arbeitete, fühlte sie sich in dieser Situation im Stich gelassen. Zunehmend niedergeschlagen, lag sie nachts lange wach und kam am Morgen kaum noch aus dem Bett. Dann schleppte sie sich an ihren Arbeitsplatz, wo sie sich jedoch immer schlechter auf ihre Aufgaben konzentrieren konnte. Oft wurde sie zudem von starken Kopfschmerzen und später auch von Panikattacken geplagt. Als ihr Chef ihren Leistungseinbruch thematisierte und ihr nahelegte, sich eine neue Stelle zu suchen, empfand sie tiefe Verzweiflung, irrte stundenlang im Regen durch die Stadt, weinte und sprach mit sich selbst und wusste nicht mehr ein noch aus. Schliesslich klingelte sie unangemeldet an der Tür einer Freundin.

 

«Als sie mich durchnässt und völlig aufgelöst im Türrahmen stehen sah, war meine Freundin ziemlich überfordert. Sie bot mir zwar einen heissen Tee an, aber das Gespräch mit ihr war für mich nicht sehr ermutigend. Sie hörte mir nicht richtig zu und sagte einfach, dass ich das alles nicht so ernst nehmen solle. Am besten würde ich jetzt einfach einmal eine Nacht über das Geschehene schlafen und morgen sei wieder ein anderer Tag. Das Ganze sei doch auch eine Chance für mich, denn ich hätte jetzt die Möglichkeit, noch einmal ganz neu anzufangen: neuer Job, neue Liebe, neues Glück. Ich spürte, dass ihr mein Besuch sehr ungelegen kam und dass sie mich möglichst schnell loswerden wollte. Also brach ich bald wieder auf und setzte meine nächtliche Wanderung fort bis in die frühen Morgenstunden.

 

Wie ich nach Hause gekommen bin, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls habe ich mich dann von der Arbeit abgemeldet und bin am Nachmittag zu meinem Hausarzt gegangen. Dieser war zwar sehr nett und schrieb mich für eine Woche krank, er sagte mir aber auch, dass er weder die Zeit noch das Fachwissen hätte, um mir weiterzuhelfen und riet mir zu einer Psychotherapie. Es dauerte dann fast zwei Monate, bis ich einen Therapeuten gefunden hatte. In dieser Zeit habe ich mich stark zurückgezogen und ich bin fast zugrunde gegangen. Meine Freundin hat sich übrigens nach jener Begegnung wochenlang nicht mehr bei mir gemeldet.»

 

Unzureichende Notfallversorgung — was ist zu tun?

 

So wie Rita M. geht es vielen Menschen – besonders wenn sie zum ersten Mal und völlig unvorbereitet in eine Krise geraten. Auf der einen Seite sind psychische Krisen und Erkrankungen noch immer mit einem Stigma behaftet und da wir im Umgang damit meist wenig erfahren sind, fällt es vielen von uns schwer, einem Menschen in einer psychischen Notsituation beizustehen. Auf der anderen Seite ist aber auch die Versorgungslage im Bereich Notfall und Krisenintervention vielfach unzureichend, wie eine Studie aufzeigt, die das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS AG 2016 im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit erstellt hat.

 

Was kann die Gesundheitspolitik, was die Gesellschaft und was der oder die Einzelne tun, um Menschen in psychischen Notsituationen besser zu unterstützen? In seinem Bericht zur psychischen Gesundheit in der Schweiz (2016) hat das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) drei Schutz- bzw. Risikofaktoren ermittelt: Eine hohe Kontrollüberzeugung1 und ein tragfähiges soziales Netz schützen die psychische Gesundheit, während das Erleben von Einsamkeit mit erhöhter psychischer Belastung einhergeht. Pro Mente Sana hat 2018 ein Manifest verabschiedet, das mit den Worten beginnt: «Die Stiftung Pro Mente Sana hat einen Traum: den Traum, dass in der Schweiz jeder Mensch ein würdiges und erfüllendes Leben bei guter Gesundheit führen kann. Was braucht es dafür?». Neben einer materiellen Grundversorgung mit allem, was für ein gutes Leben notwendig ist, und einer Aufgabe für jedes Mitglied unserer Gesellschaft, die in seiner Wahrnehmung sinnstiftend ist, fordert das Manifest eine radikale Absage an die Einsamkeit und an deren Stelle die Einbindung jedes Menschen – in dem Mass, wie es ihm entspricht – in einen Kreis von Mitmenschen, denen er sich zugehörig fühlt. Im weiteren Text wird festgehalten, dass Entwicklung und Wandlung zum Leben gehören: «Psychische Krisen lassen uns innehalten, über grössere Zusammenhänge nachdenken und Schritte der Wandlung wagen.» Damit solche Wandlungsprozesse in positive und kreative Lösungen münden können, muss eine tragende Gesellschaft geschaffen werden, in der Menschen zu ihrer Verletzlichkeit und Begrenztheit stehen können, ohne auf Respekt und Würde verzichten zu müssen. Dazu gehört auch das Recht auf Selbstbestimmung in Fragen der Behandlung einer psychischen Krise oder Erkrankung.

 

Stigma abbauen: Kampagne und psychische Notfallhilfe

 

Pro Mente Sana engagiert sich seit ihrer Gründung 1978 in vielfältiger Weise für diese Ziele. Um der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Krisen und Erkrankungen entgegenzuwirken, hat sie 2014 gemeinsam mit dem Kanton Zürich, Kinderschutz Schweiz und weiteren Trägern und Partnern die Kampagne «Wie geht’s dir?» lanciert, die eine breitere Öffentlichkeit über psychische Krisen und Erkrankungen aufklären möchte. Wie zwei Evaluationen belegen, hat die Kampagne bei der Bevölkerung breite Zustimmung gefunden. «Wie geht’s dir?» möchte dafür sensibilisieren, dass es wichtig und richtig ist, auch über psychische Erkrankungen offen zu sprechen. Die Kampagne möchte dazu beitragen, dass Betroffene weniger ausgegrenzt werden und sie will Wissen über psychische Erkrankungen verbreiten, um so negative Vorurteile abzubauen. Sie möchte mit konkreten Gesprächstipps dazu beitragen, dass das Sprechen über psychische Erkrankungen leichter fällt. Unter www.wie-gehts-dir.ch können Broschüren mit Informationen und Gesprächstipps heruntergeladen werden, die sich u.a. auch an Arbeitnehmende und Führungskräfte richten.

 

Um Menschen dazu zu befähigen, von einer psychischen Krise Betroffene adäquat zu unterstützen, wird Pro Mente Sana ab 2019 als Lizenznehmerin des australischen Programms Mental Health First Aid (MHFA) Kurse in psychischer Notfallhilfe anbieten. Das Programm, das sich seit dem Jahr 2000 in Australien etabliert hat und auch in den USA, England und 19 weiteren Ländern angeboten wird, wurde 2014 von Karolinska-Institut in Stockholm evaluiert. Dabei wurden die Daten von mehr als 3000 Teilnehmenden aus mehreren Ländern analysiert. Die Forscherinnen kamen zum Ergebnis, dass das Erste- Hilfe-Programm das Wissen über psychische Erkrankungen erhöht, die negative Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Problemen reduziert und dazu führt, dass die Teilnehmenden häufiger helfen.

 

Versorgungslücken schliessen

 

Die oben erwähnte, breit angelegte Studie zur Versorgungssituation psychisch erkrankter Personen in der Schweiz2 gelangte zum Schluss, dass trotz hoher Dichte an Psychiaterinnen insbesondere im Bereich Notfall und Krisenintervention gravierende Versorgungslücken bestehen: Viele der Befragten erachten das Versorgungsangebot für psychiatrische Notfälle und Personen in Krisensituationen mit dringendem Unterstützungsbedarf als unzureichend, insbesondere auf dem Land. Teils konstatierten die Befragten sogar einen generellen Mangel an psychiatrischen Fachärzten, der sich nicht zuletzt in langen Wartefristen von durchschnittlich vier Wochen (Institutionen) bis hin zu durchschnittlich sechs Wochen (private Praxen) niederschlägt.

 

Aufgrund der demografischen Entwicklung (viele Psychiater erreichen in den nächsten Jahren das Pensionsalter) und der Nachwuchsprobleme wird erwartet, dass sich in Zukunft die Versorgungslücken eher noch verschärfen werden. Fehlende Plätze und Kapazitäten für dringliche Akutbehandlung werden in allen Versorgungsbereichen festgestellt (niedergelassene Ärzte in Praxen, Ambulatorien, Kriseninterventionszentren, [Akut-]Tageskliniken sowie Spitäler und Kliniken). Um ihren Zweck zu erfüllen, müssten diese Angebote rasch und kurzfristig verfügbar sowie unkompliziert zugänglich sein. Dazu wird Folgendes festgehalten:

 

Es gebe einen Bedarf an niederschwelliger Krisenintervention in Form von Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige zur Unterstützung und Begleitung in akuten Krisen (fehlende bzw. nicht rund um die Uhr zugängliche Anlaufstellen dieser Art führten zu einer übermässigen Beanspruchung des regulären ärztlichen Notfalldiensts), mobilen Teams, die Hausbesuche zur Abklärung und ambulante Krisenintervention durchführen, kurzzeitigen stationären Behandlungsplätzen und Krisenbetten ohne Intensivbehandlung für Personen, für die ein Aufenthalt in der Akutklinik u.U. kontraproduktiv wäre (subakut suizidale Personen, Traumafolgestörungen, Erschöpfungszustände, psychosoziale Krisen) sowie Akut-Tageskliniken für Patientinnen, die nicht unbedingt hospitalisiert werden müssen, jedoch unbedingt eine Tagesstruktur mit therapeutischem Hintergrund brauchen. Von Betroffenenvertretern werden die oben genannten niederschwelligen Angebote für Krisensituationen – wo es sie bereits gibt – sehr positiv eingestuft.

 

Aufsuchende Angebote ausbauen, Zwang vermeiden

 

Übereinstimmend wird von den Teilnehmenden der Studie der Ausbau aufsuchender Versorgungsangebote gefordert – so etwa Home Treatment oder die ambulante Krisenintervention durch ärztlich geleitete interdisziplinäre Teams, sogenannte mobile Equipen. Damit könne die Behandlung vieler Zielgruppen verbessert und Klinikaufenthalte könnten vermieden werden. Hindernis sei hier die Finanzierung, da sie von den Kantonen abhängig ist. Sofort ergriffen werden medizinische Notfallmassnahmen allerdings dann, wenn akute Selbstgefährdung, schwerwiegende Belastung oder die Gefährdung anderer Personen vermutet werden, und zwar unter der Voraussetzung, dass ihnen die nötige persönliche Fürsorge nicht anders erwiesen werden kann. Dann erfolgt eine Zwangseinweisung mittels Fürsorgerischer Unterbringung (FU). Davon betroffen sind 20 Prozent aller Menschen, die sich in einer psychiatrischen Klinik aufhalten (siehe Box) – dies obwohl eine Zwangseinweisung den Heilungsverlauf beeinträchtigen kann, zumal die Kontrollüberzeugung der fürsorgerisch untergebrachten Menschen dabei Schaden erleidet.

 

An wen würde ich mich in der Krise wenden?

 

Was brauchen Menschen in psychischen Krisen und Notfallsituationen? Wie gehen sie damit um? Zwei Männer und zwei Frauen berichten im Folgenden über ihre Erfahrungen im Durchleben von Krisen, ihren Wünschen und über ihr persönliches «Krisendispositiv»:

 

     Richard T.* hat in der Vergangenheit mehrere psychotische Episoden durchlebt. An wen würde er sich heute in einer Krise wenden? «Wenn ich erneut in eine Psychose geraten würde, würde ich versuchen, da alleine durchzugehen. Das habe ich auch bereits einmal gemacht. Ich spürte damals: Keine Ahnung, woher es kommt, aber ich bin überzeugt, dass es Bedeutung und Sinn hat. Und so habe ich es auch erlebt. Früher war ich der Überzeugung, dass ich mein Leben im Griff habe. Heute bemühe ich mich zu lernen, mich dem Leben anzuvertrauen. Ideal wäre für mich in einer psychotischen Krise, vertraute Menschen um mich zu haben, die keine Angst vor dem Erleben haben, einfach da sind. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen mit dem psychotischen Erleben überfordert sind. Vorstellen könnte ich mir eine Begleitung durch Windhorse3, auch in der Soteria4 oder durch eine mobile Equipe. Einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik möchte ich künftig vermeiden, denn dort habe ich erlebt, dass es primär darum ging, die Symptomatik «abzustellen » und Anpassung und Vermeidung zu fordern. Geholfen hat mir jedoch die Auseinandersetzung mit dem Erleben. Meine Psychosen haben wesentlich dazu beigetragen, mir meiner selbst mehr und mehr bewusst zu werden. Und siehaben mein Vertrauen in das Leben tief verankert. Deshalb würde ich es wieder wagen, mich dem Durchleben einer Episode allein zu stellen.»

 

     Verena K.* leidet seit vielen Jahren unter schweren, wiederkehrenden Depressionen. In einer ihrer Krisen hatte sie in einem Kriseninterventionszentrum Hilfe gesucht, später war sie drei Monate auf der Psychotherapiestation einer psychiatrischen Klinik. «Wenn ich heute eine akute Krise erleben würde, würde ich meine Psychotherapeutin anrufen und schauen, was sie mir vorschlägt. Wenn ich sie nicht rasch erreichen könnte, etwa nachts, würde ich zur Überbrückung einen Tranquilizer nehmen oder auch zwei. Früher hatte ich Angst, von Benzodiazepinen abhängig zu werden. Heute weiss ich jedoch, dass ich diese im Notfall gezielt einsetzen kann. In die Krisenintervention würde ich nicht mehr gehen. Schon das Aufnahmegespräch mit einem jungen Arzt in einem Raum ohne Fenster habe ich damals als schrecklich empfunden – während des Gesprächs lief zudem zweimal jemand herein. Danach war ich täglich mit neuen ÄrztInnen konfrontiert. Beim Austrittsgespräch waren sehr viele Fachleute anwesend, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Als ich fragte, was ich nun tun solle, gab man mir keine Empfehlung, sondern drückte mir einfach einen Ordner mit Prospekten in die Hand. Ich habe mich später schriftlich darüber beschwert, worauf meiner Hausärztin gemeldet wurde, dass ich unkooperativ gewesen sei. Deshalb würde ich mich in einem Notfall heute auf meine Psychotherapeutin abstützen, denn sie kennt mich und ich vertraue ihr.»

 

     Nathalie Z.* hat schon einige Krisen durchgestanden. Als ausgebildete Peer weiss sie heute, was ihr guttut und welche Unterstützung sie braucht und sie verfügt über ein tragfähiges Netz: «In einer Krise würde ich mich als Erstes an meinen Freund wenden. Falls ich ihn nicht erreichen könnte, wäre meine Peer-Freundin meine nächste Ansprechpartnerin oder meine beste Freundin seit Jugendtagen, die heute Psychiaterin ist. Auch meine Eltern würden mich unterstützen oder mein ehemaliger Psychiater – ich bin zurzeit nicht in Behandlung. Falls keiner dieser mir vertrauten Menschen erreichbar wäre, würde ich Tel. 143 (die dargebotene Hand) anrufen oder mich direkt an die psychiatrischen Dienste meines Kantons wenden. Letzteres würde ich in der Nacht jedoch wohl eher tun, als meine Eltern oder meine Freundin zu wecken. Was mir in einer solchen Situation am besten hilft, ist ein Gespräch, vielleicht auch der Aufenthalt in einem Auszeitzimmer.»

 

     Paul D.*: «Wenn es mir schlecht geht, bin ich sehr ängstlich und misstrauisch. Ich könnte niemals den medizinischen Notfall anrufen und dann womöglich mitten in der Nacht eine fremde Person in meine Wohnung lassen. Telefonieren kann ich dann sowieso nicht, denn ich fühle mich gelähmt und handlungsunfähig. Mit meiner Psychiaterin habe ich vereinbart, dass ich ihr in einer Notsituation ein ganz kurzes Mail schreiben kann und sie dann so bald wie möglich Kontakt mit mir aufnehmen würde. Für den Notfall habe ich immer eine Beruhigungstablette im Portemonnaie. Damit bin ich schon etliche Male durch eine schwere Nacht gekommen. Vor einigen Jahren war ich einmal auf der Krisenintervention, ein Freund hatte mich dorthin begleitet. Der Aufenthalt war ziemlich stressig für mich. Mein Zimmernachbar sprach zwar kein Wort mit mir, aber er hatte viel Besuch von seiner grossen Familie und ich fand keine Ruhe. Auch dass die Ansprechpersonen und Ärztinnen täglich wechselten, war für mich eine grosse Herausforderung. Ich konnte zu niemandem Vertrauen aufbauen. Ich würde mir wünschen, dass ich mich in einer allfälligen künftigen Krise an einen ruhigen Ort zurückziehen könnte, mit wenigen Leuten, wo ich ein paar Tage lang betreut wäre, mich sicher fühlen und so wieder Kraft schöpfen könnte, um mein Leben zu bewältigen.»

 

Recovery: Selbstbestimmung und Wahlfreiheit fördern

 

Pro Mente Sana ist dem Recovery-Ansatz verpflichtet, der die Vermittlung von Hoffnung betont und die Selbstbestimmung und Wahlfreiheit der Betroffenen ins Zentrum stellt. Recovery meint die Fokussierung auf Gesundung, gute Lebensqualität trotz Symptomen und systematische Nutzung des Erfahrungswissens, welches mit psychischen Krisen verbunden ist. In ihrem «Positionspapier Recovery» stellt Pro Mente Sana fest, dass eine Umsetzung des Recovery- Ansatzes nur dann möglich ist, wenn auch ein entsprechender Wertewandel in der Gesellschaft stattfindet. Dieser muss sich auch im politischen Willen widerspiegeln, nicht zuletzt in der akutpsychiatrischen Versorgung Dienstleistungsangebote auszubauen, die, statt sich an Symptomen und Defiziten zu orientieren, auf die Stärkung der gesunden Anteile und auf die Lebenswelt der Betroffenen ausgerichtet sind, denn: Im Klinikbereich ist gerade in der Akutpsychiatrie Recovery ein sehr wirksames Instrument, um die Behandlungsqualität und Behandlungszufriedenheit der Betroffenen und Angehörigen stark zu verbessern.

 

* Namen von der Redaktion geändert

 

1 Eine hohe Kontrollüberzeugung bedeutet, dass eine Person die Überzeugung hat, selber über ihr Leben bestimmen zu können. Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung weisen eine hohe oder mittlere und rund 20 Prozent eine tiefe Kontrollüberzeugung auf. Männer haben diese in allen Altersgruppen häufiger als Frauen. Im Pensionsalter nimmt der Anteil der Personen mit hoher Kontrollüberzeugung zu.

 

2 Es wurden Psychiaterinnen, Haus- und Kinderärztinnen, Betroffene, Angehörige sowie Vertreterinnen von Betroffenenorganisationen befragt.

 

3 Windhorse ist ein Behandlungs- und Begleitungskonzept für Menschen in psychotischen Lebensphasen, das Anfang der 1980er-Jahre in den USA aus der Zusammenarbeit des Psychiaters Edward Podvoll mit dem tibetischen Gelehrten Chögyam Trungpa Rinpoche entwickelt wurde.

 

4 Die Soteria wurde 1984 in Bern von einer multiprofessionellen Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. med. Luc Ciompi, dem damaligen Direktor der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern, als milieutherapeutische Wohngemeinschaft zur Behandlung akuter Psychosen realisiert. Das therapeutische Angebot, das in Bern heute fester Bestandteil der psychiatrischen Versorgung ist, basiert auf dem Modell des «Soteria- House», das der US-amerikanische Psychiater Loren Mosher in den 1970er-Jahren in San Francisco ins Leben gerufen hatte.

Dieser Artikel von Anna Beyme erschien im KONTEXT, dem Clubmagazin des mental help club. Werden Sie Mitglied und erhalten Sie zwei Mal jährlich eine neue Ausgabe vom KONTEXT.