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Die Corona-Krise hält an: Pro Mente Sana baut ihre Unterstützungsangebote aus

Im ersten Teilbericht des BAG (Bundesamt für Gesundheit) wurde auch der Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit der Schweizer Bevölkerung untersucht. Im Interview mit Roger Staub, Geschäftsleiter der Pro Mente Sana wird deutlich, weshalb es Massnahmen braucht, um die psychische Gesundheit zu stärken.

Autorin: Jessica Schertenleib (JS)

 

 

JS: Gemäss dem Corona Bericht des BAG’s war die Nutzung niederschwelliger Angebote während der ersten Welle deutlich erhöht. Dies zeigte sich auch bei der Stiftung Pro Mente Sana, wo der Bedarf an Beratung klar anstieg. Bei der aktuellen zweiten Welle ist der Bedarf an telefonischer Beratung sogar noch höher. Was sind Themen, welche die Menschen während der Corona-Krise am meisten beschäftigen und belasten?

 

 

Roger Staub (RS): Ich denke der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Welle ist: Bei der ersten Welle hatten viele Leute Angst vor dem Virus, vor dem Unbekannten, vor dieser neuen Situation, dass man plötzlich im Lockdown war. Das hat Fragen aufgeworfen. Jetzt sieht es danach aus, dass die Leute von Zukunftsängsten und Existenzängsten geplagt sind. Und es ist auch kein Wunder, ich meine, die Leute sind verständlicherweise verunsichert, wenn man immer wieder liest, welche Branchen dermassen unter Druck sind, dass die Reisebüros nichts zu tun haben, die Kulturschaffenden, etc. Wenn man dort arbeitet, ist es ja nicht schwierig, auszurechnen, dass das Risiko gross ist, arbeitslos zu werden, keinen Job mehr zu haben, damit auch keine Existenz mehr zu haben. Das ist normal, dass man darauf sorgevoll reagiert. 

 

 

JS: Die Stiftung Pro Mente Sana hat während der ersten Welle sehr schnell reagiert und sich dafür eingesetzt, das Angebot «Treffpunkt Nordliecht» trotz Lockdown mit reduzierter Besucher*innenzahl offen zu halten. Es wurden zusätzliche Unterstützungsangebote wie längere telefonische Beratungszeiten und die Austauschplattform inCLOUsiv geschaffen. Inwiefern können diese Angebote jetzt während der aktuellen zweiten Welle weitergeführt oder allenfalls sogar ausgebaut werden?

 

 

RS: Wir machen alles weiter wie während der ersten Welle. Wir beraten wieder mehr, inCLOUsiv wird ausgebaut und unser Treffpunkt Nordliecht bleibt weiterhin offen und bietet an sieben Tagen unter der Woche zwölf Stunden Öffnungszeiten an mit Mittagessen und Abendessen. 

 

 

JS: Das Nordliecht ist ein geschützter Ort in der Stadt Zürich, wo sich Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen treffen können und so trotz der einschränkenden Corona-Massnahmen zumindest ein Minimum an sozialen Kontakten aufrechterhalten werden können. Dazu ist aktuell ein Schutzkonzept nötig. Inwiefern kann dies beim Nordliecht umgesetzt werden?

 

 

RS: Das ist nicht schwierig. Ich meine, das ist wie überall sonst auch: Hände waschen, wenn man hineingeht, Masken tragen, Abstand halten. Das Nordliecht ist so eingerichtet, dass während dem Essen der Abstand von 1.5 Metern gewährleistet ist zwischen denen, die essen. Bis jetzt funktioniert das gut. Es hat Desinfektionsmittel und die Mitarbeiter*innen desinfizieren auch die Tische und Plätze, wo die Leute gesessen sind zwischen den Schichten. Das Wichtigste ist, wenn die Regeln eingehalten werden, die simpel sind, dann sollte es auch funktionieren.

 

 

JS: Wie gross ist die Kapazität vom Nordliecht, wie viele Menschen können sich dort gleichzeitig aufhalten?

 

 

RS: Also aufs Mal dürfen sich zehn Leute drinnen aufhalten und diese zehn Leute können auch essen. Das bedeutet, mit zwei Schichten Mittag- und zwei Schichten Abendessen können 40 Leute dort einmal täglich warm und gesund essen.

 

 

JS: Die interaktive Austauschplattform inCLOUsiv ist seit vielen Monaten in Betrieb und wird rege besucht. Nun möchten Sie sie zu einem interaktiven Newsroom ausweiten, bei welchem Real-Time Berichterstattung stattfinden würde, es soll also tagesaktuelle Newsbeiträge geben. Und auch ein Community-Feed, worüber User*innen und Partnerorganisationen über Social Media Kanäle eingebunden werden können, ist geplant. Dazu besteht bereits eine Projektskizze. Was fehlt, um diese innovative Idee umzusetzen?

 

 

RS: Es fehlen uns aktuell die finanziellen Möglichkeiten. Wir sind daran, mit Anträgen in der Wirtschaft und in Institutionen dafür Unterstützung zu erhalten. Die Idee von inCLOUsiv ist es, dass Menschen, die Austausch suchen, die Plattform nutzen und sich über aktuelle Themen austauschen, die im Übrigen auch von der Community eingebracht werden können. Es soll ein interaktiver Austausch zwischen Fachleuten, Betroffenen und Angehörigen auf Augenhöhe in Gang kommen. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt diesen Dialog noch zu intensivieren! Ich ärgere mich ja immer sehr über den Begriff «social distancing», weil der so falsch ist – Wir sagen: «Jetzt braucht es soziale Nähe bei physischer Distanz.». Und soziale Nähe – wenn die Austauschplattform funktioniert und auch live stattfinden kann – ist eine Möglichkeit sich zu begegnen und den Abstand einzuhalten ohne das Haus verlassen zu müssen.

 

 

JS: Digitale Angebote werden immer wichtiger, gerade in Zeiten, in denen die physische Bewegungsfreiheit und der physische Kontakt eingeschränkt werden. Ein weiteres Angebot der Pro Mente Sana sind die ensa Kurse, welche seit dem Frühling auch als Webinare angeboten werden. Aktuell wird dieses Angebot vor allem auch von Firmen genutzt, welche ihre Mitarbeiter weiterbilden möchten. Inwiefern können die Firmen von dieser digitalen Lösung profitieren? 

 

 

RS: Ein ensa Kurs ist von der Idee her aufgebaut wie ein Nothelfer Kurs. Die Leute, die teilnehmen, das sind Laien, sie lernen die Grundlagen oder die Basics zu psychischer Gesundheit kennen und üben – und das ist das Wichtige – sie üben erste Hilfe zu leisten. Das Wichtige beim ensa Kurs ist nicht nur die Theorie, sondern das Üben, damit man die Hilfe auch praktisch leisten kann. Das unterscheidet sich nicht vom Nothelfer-Kurs, den wir seit Jahren bei der Hilfe von physischen Notfällen kennen, wo man auch praktisch üben muss, jemanden richtig zu lagern und zu beatmen. Wir hatten zuerst nur Präsenzkurse, aber während des Lockdowns war das nicht mehr möglich. Wir haben deshalb dann sofort das Webinar entwickelt, das genau gleich wie ein Präsenzkurs stattfindet, einfach nicht in vier langen Teilen von 3.5 Stunden, sondern in sieben etwas kürzeren Teilen von zwei Stunden. Man kann jetzt den ensa Kurs online via Zoom durchführen und wie wir wissen mit ebenso gutem Erfolg, weil es sehr gut funktioniert, die Übungen in den Breakout Rooms zu machen. 

Dies ist gerade aktuell ein grosser Vorteil, weil viele Menschen im Home Office sind und viel Zeit haben. Von Firmen hören wir, dass 7 x 2 Stunden sich einfacher im Berufsalltag unterbringen lassen als vier Halbtage, wo die Leute normalerweise in einem Kurs sitzen. Ensa ist der Versuch, Früherkennung und Prävention unter die Leute zu bringen. 

 

 

JS: Werden die Unterstützungsangebote der Pro Mente Sana auch nach Abklingen der aktuellen Welle weiter bestehen bleiben, gerade im Hinblick auf eine mögliche dritte Welle?

 

 

RS: Das ist schwierig vorauszusagen. Die ensa Kurse wird es auch nachher als Präsenz- und Onlinekurse geben. So können die Leute aussuchen, wie sie den Kurs lieber absolvieren wollen. Die Beratung werden wir wohl nicht mehr an sieben Tage in der Woche anbieten. Unser Ziel ist es, unser Angebot der Nachfrage anzupassen. Im Nordliecht gibt es einen Plan, dass wir dann zurück in einen Normalbetrieb gehen, an welchem wir nicht mehr sieben Tage in der Woche offen sein werden, sondern wahrscheinlich nur noch fünf Tage. Wenn man sich anschaut, wann die meisten Leute kommen, ist, glaube ich, der Montag und der Samstag nicht so ausgelastet. Ich denke, im Moment, während Corona, ist es richtig, wenn wir sieben Tage offen haben. Nachher ist ein Fünftagesbetrieb realistisch und wie lange wir dann genau offen haben, ob der Vormittag bleibt und das Mittagessen, das sieht wird man sehen. Aber solange man befürchten muss, dass nach der zweiten nochmals eine dritte Welle kommt, wollen wir weiterfahren wie bisher – wenn wir es uns leisten können.

 

 

JS: Das BAG beschreibt im Corona Bericht Handlungsempfehlungen auf 3 Ebenen: Allgemeinbevölkerung – Risikogruppen – psychische Erkrankungen. Die Stiftung Pro Mente Sana richtet sich mit ihren Unterstützungsangeboten auf allen drei Ebenen an die gesamte Bevölkerung. Auf welcher Ebene besteht der grösste Bedarf?

 

 

RS: Ich glaube, auf allen drei Ebenen gibt es Bedarf. Wir sind aber zum Beispiel nicht zuständig für die Bevölkerungsinformation. Ich fände es eigentlich eine gute Idee, wenn die BAG-Corona-Kampagne zum Beispiel mit uns zusammen gemacht würde. Denn wenn mehrere Träger zusammenkommen – das hat man früher bei «Stop Aids» gesehen und sieht es jetzt in der «Wie geht’s dir?» Kampagne – kommt dabei einfach mehr Substanz heraus, weil es vielseitiger gedacht ist, als wenn einfach jemand eine Kampagne bestellt und eine Werbeagentur diese umsetzt. Es mag zwar anstrengender sein mit mehreren Trägern zu diskutieren, aber die Reibung in solch einem Prozess führt zu besseren Resultaten. Ich denke auch, dass wenn wir dabei gewesen wären, Fehler hätten vermieden werden können. Als es zum Beispiel während dem ersten Lockdown eine unklare Kommunikation gab, wo es hiess, man müsse zuhause bleiben, hatten wir Mühe, psychisch beeinträchtigten oder auch älteren Menschen zu erklären, dass sie schon nach draussen gehen können, an die Sonne, in den Wald oder spazieren gehen dürfen, jedoch nicht unter die Leute gehen sollen. Es war nicht zu Ende gedacht, was die Botschaft «Bleiben Sie zuhause» anrichten kann. Das ist falsch als Botschaft, man muss nicht zuhause bleiben, sondern man muss nicht unter die Leute gehen. Denn eingesperrt zuhause sitzen, das ist einfach nicht gesund.