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"Eine psychische Krankheit ist keine Endstation"

Recovery heisst Genesung und Gesundung. Unter anderem durch Auseinandersetzung und Austausch ist das auch nach schweren psychischen Erschütterungen möglich. Um mehr Menschen dazu zu befähigen, diesen Weg zu gehen, bietet die Stiftung Pro Mente Sana die Weiterbildung Recovery Wege entdecken an. Regula Mader, Direktorin Schlossgarten Riggisberg, wo die Weiterbildung aktuell läuft, sieht schon eine Veränderung bei den Teilnehmenden und in der Organisation.

Psychische Krankheiten sind einschneidend im Leben. Doch selbst bei einer schweren Beeinträchtigung sind sie nicht das Einzige, was einen Menschen ausmacht. So sieht es die Recoverybewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Mut zur Gesundung einsetzt. Sie entstand, als sich eine Gruppe von Menschen, die als 'austherapiert' oder unheilbar psychisch krank galten, zusammenschloss. Sie wollten nicht ihr Leben lang durch Diagnosen und Psychiatrien fremdbestimmt werden. Patricia Deegan, eine bekannte Vertreterin der Bewegung, beschreibt Recovery so: "Recovery zielt nicht auf ein Endprodukt oder ein Resultat. Es bedeutet nicht, dass man 'geheilt' oder einfach stabil ist. Recovery beinhaltet eine Wandlung des Selbst, bei der einerseits die eigenen Grenzen akzeptiert werden und andererseits eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten entdeckt wird. Dies ist das Paradoxe an Recovery: Beim Akzeptieren dessen, was wir nicht werden tun oder sein können, beginnen wir zu entdecken, wer wir sein können und was wir tun können. Recovery ist eine Art zu leben". Die Erfahrung vieler Betroffener zeigte, dass dieser Weg funktioniert. Nach langen Krankheitsphasen gesundeten viele Menschen und führen nun, entgegen aller Prognosen, wieder ein mehr und mehr selbstbestimmtes Leben.

 

Diese Haltung lebt auch Jasmin Jossen, die Weiterbildungen zum Thema Recovery leitet: "Die Teilnehmenden entdecken, dass psychisch krank nicht die Endstation ist." Sie hat selber die Peer-Weiterbildung Experienced Involvement gemacht, ist also Expertin aus Erfahrung und hat auch als Genesungsbegleiterin in einer Klinik gearbeitet. "In der Peer-Weiterbildung habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass dieser gemeinsame Prozess in der Gruppe ein heilsames Potential hat. Ich stand dem Begriff 'heilsam' immer eher kritisch gegenüber, aber mittlerweile kann ich sagen, dass unter anderem die Auseinandersetzung mit meinem eigenen Krankheitsverständnis mich zu einem neuen Selbstbild geführt hat. Das habe ich auf meinem Recoveryweg als heilsam erfahren." Diese Erfahrungen und Überzeugung hat ihren Teamkollegen Uwe Bening und sie dazu bewogen die Weiterbildung Recovery Wege entdecken zu entwerfen, die sich an die Inhalte der Basismodule der Peer Weiterbildung anlehnt.

 

Mit diesem Curriculum im Gepäck sind sie zum Schlossgarten Riggisberg gefahren, wo nun seit letztem September die Weiterbildung durchgeführt wird. Die Langzeitinstitution ist im Wandel: "Wir haben in unserer Organisation einen Veränderungsprozess angestossen, da es uns wichtig ist, die UNO-Behindertenrechtskonventionen umzusetzen," erklärt Regula Mader, Direktorin des Schlossgarten Riggisberg. "Ein wichtiger Teil unserer Entwicklung ist die Recovery Weiterbildung. Die Bewohnenden sollen dazu befähigt werden, ihre Ressourcen wiederzuentdecken und sie in ihrem Leben und in unsere Organisation einzubringen." Anfangs stellte es sich als schwierig heraus, genügend Teilnehmende zu finden und auch Mitarbeitende standen dem Angebot zunächst kritisch gegenüber. Es fand sich dann aber doch eine erste Gruppe, die nun mitten in der Weiterbildung steckt. Obwohl die Weiterbildung noch nicht abgeschlossen ist, bemerkt Regula Mader bereits eine Veränderung: "Die Teilnehmenden haben inzwischen ein anderes, neues Auftreten. Sie sprechen aktiv mit anderen über die Weiterbildung und ihre Erfahrungen und lernen, zu ihrer Krankheit zu stehen. Das verändert nicht nur sie selber, sondern hat auch Auswirkungen auf ihr Umfeld. Andere Bewohnende und Mitarbeitende bemerken die Veränderung natürlich, und die Unternehmenskultur wandelt sich so." Besonders beeindruckend findet sie, was Recovery Wege entdecken bei den Teilnehmenden bewirkt hat: "Wir haben in der Gruppe auch Teilnehmende, die kognitiv beeinträchtigt sind, bei denen wir nicht sicher waren, ob sie das packen können. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, dass auch bei diesen Menschen eine Veränderung und Entwicklung möglich ist."

 

Die Verwandlung, die Regula Mader sieht, ist genau das, was sich Jasmin Jossen für ihre Teilnehmenden wünscht: "Viele Menschen, die lange oder sogenannt 'chronisch' krank sind, haben ein Selbstverständnis als kranker Mensch. Das versuchen wir gemeinsam zu verändern und zwar in die Richtung, dass es nicht ihre Diagnose ist, die definiert, was sie ausmacht. Sie entdecken, dass vieles, was sie aus ihrer Geschichte mitnehmen können auch Kompetenzen und Qualitäten sind." In den acht Modulen der Weiterbildung setzen sich die Teilnehmenden mit Themen wie Gesundheit und Wohlbefinden, Sinnsuche und Genesung oder Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge auseinander. Doch den Kern der Veränderung bildet laut Jasmin Jossen die Gruppe: "Das Schönste ist, dass eine tragende Gemeinschaft entsteht." Die Teilnehmenden in Riggisberg planen bereits weitere gemeinsame Aktivitäten, wenn die Weiterbildung abgeschlossen ist.