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Es ist nicht das Virus, es ist unser Verhalten, das zur Pandemie führt

Viren sind keine Lebewesen, sie sind nicht an der Pandemie schuld, sie verbreiten sich nicht aktiv. Es liegt vielmehr an uns Menschen selber, wir verbreiten das Virus durch unser Verhalten.

Beitrag von Roger Staub, erschienen in der NZZ Online vom 27.11.2020

«Das Coronavirus, dieses winzige Paket aus RNA und Eiweissen, kümmert sich einen Dreck um unsere Meinungen und Gefühle», schrieb Rolf Dobelli am 7. November 2020 in der NZZ. Auch wenn ich ihm für den Artikel dankbar bin, stört mich eines: Die Formulierung «das Virus kümmert sich» zahlt auf das Konto der Metapher «Viren sind Lebewesen» ein. Noch ein Beispiel gefällig? Am 28. Oktober 2020 schrieb die NZZ: «Wenn man dann weder Maske trägt noch Abstand hält, kann sich das Virus frei austoben.»

 

Keine Lebewesen

Die falsche Vorstellung von «Viren sind Lebewesen» wird durch Gesprochenes und Geschriebenes täglich mehrfach bestätigt, ist aber für den Umgang mit einer viralen Pandemie doppelt problematisch: Einerseits denken viele Menschen, dass das Virus an der Pandemie schuld sei, weil «es» sich verbreiten und uns alle anstecken «will». Damit blenden die Menschen erfolgreich aus, dass die Verbreitung des Virus ursächlich von unserem Verhalten abhängt. Wer das Virus so sieht, wird Mühe haben, seinen eigenen Beitrag an die Eindämmung der Seuche zu erkennen, allen moralisierenden Aufrufen zur Selbstverantwortung zum Trotz.

 

Andererseits produziert die Vorstellung von «Viren sind Lebewesen» bei vielen Menschen Angst. Angst vor einem unsichtbaren, bösen, heimtückischen Feind. In der Beratungsarbeit der Stiftung Pro Mente Sana sind meine Mitarbeitenden mit Ratsuchenden mit stark zunehmenden Angststörungen konfrontiert. Angststörungen waren schon vorher häufig, Covid-19 verstärkt bestehende Angst- und Panikstörungen und verursacht neue. Den Beratungsgesprächen entnehmen wir immer wieder, dass die Betroffenen sich völlig falsche Vorstellungen davon machen, was ein Virus ist und wie Viren übertragen werden. Ganz häufig ist, dass die Menschen überzeugt sind, dass es sich um ein heimtückisches, bösartiges Kleinstlebewesen handelt, das sich aktiv und hinterhältig verbreitet – eben, sich frei austobt.

 

Warum werden in der Berichterstattung über die Pandemie Formulierungen gebraucht, die auf der Vorstellung, Viren seien bösartige Lebewesen, die uns alle bedrohten, beruhen, obwohl völlig klar ist, dass Viren keine Lebewesen sind, sondern ein in eine Eiweisshülle verpacktes Stück Erbinformation und nichts weiter? Und dass Viren weder denken noch sich selbständig bewegen können. Weder mir auflauern noch nach mir haschen (wie der Frühling) noch sich austoben können. Einen Anteil daran hat sicher der Deutschunterricht: Aktive Sprache zu wählen, macht Texte interessanter und lesenswerter, als wenn Sachverhalte mit vielen «werden» dargestellt werden. Um das Leiden von angstgeplagten Menschen zu lindern, müsste die Schönheit des Textes meiner Meinung nach aber hinter der korrekten Beschreibung zurückstehen.

 

Es kommen kalte Monate

Ebenso wichtig für die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft wäre es, das unsägliche «social distancing» aus unserem Wortschatz zu streichen. In den Köpfen der Leute setzt der Begriff einen komplett falschen Rahmen: soziale Distanz. Das ist das Letzte, was wir in der Krise der zweiten Welle für die nächsten dunklen und kalten Monate brauchen. Das gedankenlose Nachplappern dieses falschen Begriffs lässt Menschen vereinsamen, hindert viele, aus dem Haus zu gehen, und verstärkt die psychische Belastung unnötigerweise. Hygiene, Masken und physischer Abstand schützen gut vor diesem Stück Eiweiss. Wasser und Seife oder Desinfektionsmittel zerstören es zuverlässig. Und es geht für uns alle in den nächsten Monaten um soziale Nähe trotz physischem Abstand. Denn einfach wird die nächste Zeit nicht werden. Leider.