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Es müssen noch etliche Hürden genommen werden

Ein Besuch bei der Tessiner Zweigstelle der Pro Mente Sana zeigt auf, welche Herausforderungen im Alltag zu meistern sind.

Gespräch in Mendrisio mit Federica Giudici (FG) und Maria Grazia Giorgis (MGG).

Wer sich der Clinica psichiatrica cantonale in Mendrisio nähert, erblickt rechter Hand an der Schwelle zum Klinikpark ein Gebäude, in dem sich das Büro von Pro Mente Sana Ticino befindet. Hier treffe ich Maria Grazia Giorgis und Federica Giudici, die zusammen mit dem Rechtsanwalt Marco Borghi das Tessiner Team von Pro Mente Sana bilden, zum Gespräch. Die Lage der Räumlichkeiten – sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Klinik – ist Sinnbild für die Nähe zu den Patientinnen und für die Unabhängigkeit gegenüber der Klinik.

 

Die Sozialarbeiterin Maria Grazia Giorgis engagiert sich seit 2006 bei Pro Mente Sana Ticino für die Rechte der Patienten. Im Einvernehmen mit der Klinikleitung sowie dem ärztlichen und pflegerischen Personal wurden Zwangsmassnahmen kontinuierlich reduziert, durch alternative Lösungsansätze ersetzt und schliesslich gänzlich abgeschafft. In der Rechtskommission des Kantons kann Maria Grazia Giorgis der Sichtweise der Patientinnen immer wieder Gehör verschaffen und leistet diesen konkrete Unterstützung. Sie ist aber auch Ansprechpartnerin für die therapeutischen Teams, nimmt an Fallbesprechungen teil und organisiert Schulungen für Fachpersonen.

 

Federica Giudici – auch sie ist Sozialarbeiterin – ist im Dezember 2017 zu Pro Mente Sana Ticino gestossen, um im Tessin die Projekte Recovery und Peer zu verwirklichen, die in der Deutschschweiz bereits etabliert sind. Ich bin nach Mendrisio gereist, um den Arbeitsalltag und die Überzeugungen meiner beiden Tessiner Kolleginnen kennenzulernen. Das angeregte Gespräch im Büro und später auch in der Klinikkantine und bei einem Spaziergang durch das grosszügige Gelände der Klinik sei im Folgenden wiedergegeben.

 

Maria Grazia, Federica, wie sieht ein typischer Arbeitstag bei euch aus?

 

MGG und FG einander im Gespräch ergänzend:

Manchmal beginnt der Tag mit einem Kampf mit dem Computer! Aber im Ernst: Wir gehen die Post durch, telefonieren und sind häufig in den Kliniken präsent – wir arbeiten hier in Mendrisio, in Lugano und auch in der Clinica Santa Croce Orselina bei Locarno. Oft werden wir von Patienten kontaktiert, die wir hier zu einem Gesprächstermin empfangen. Diese wünschen beispielsweise unsere Intervention, weil sie nicht sicher sind, ob ihre Rechte gewahrt werden. Wir möchten dann sicherstellen, dass dies der Fall ist.

 

MGG: Oder sie suchen Beratung und Unterstützung für die Planung ihrer Lebensgestaltung nach dem Austritt aus der Klinik. Hier ein praktisches Beispiel: Kürzlich kam ein Mann zu uns, der zunächst Patient in der Klinik gewesen war und danach eine Weile in einem Wohnheim auf dem Gelände lebte. Wir haben mit ihm ein Projekt konzipiert, das es ihm ermöglichte, in kleinen Schritten sein künftiges Leben ausserhalb der Klinik zu organisieren. Unsere Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass beispielsweise bei der Unterzeichnung seines Mietvertrags alles in seinem Interesse abgewickelt wurde.

 

Federica, was war deine Motivation, für Pro Mente Sana Ticino zu arbeiten?

 

FG: Die Aufgabe bei Pro Mente Sana hat mich gereizt, weil die Vertretung der Interessen von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und die Inklusion dieser Menschen meine Hauptanliegen sind. Wir arbeiten hier für die Rechte der Patientinnen, und mit den Projekten Recovery und Peer fördern wir auch ihr Empowerment.

 

Wo stehst du nach rund einem Jahr in der Realisierung deiner Projekte?

 

FG: Im Vordergrund steht momentan die Planung der Recovery-Kurse. Die Peer-Weiterbildung soll später in einem zweiten Schritt realisiert werden – im Tessin ist der Peer-Gedanke noch völlig unbekannt. Zunächst habe ich mit sämtlichen Institutionen, die im Tessin mit Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen arbeiten, Kontakt aufgenommen und ihnen das Konzept für die Recovery- Kurse präsentiert. Ich muss hier erwähnen, dass in unserem Kanton die meisten dieser Institutionen sowohl Menschen mit körperlichen als auch Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen aufnehmen – Letztere sind sogar häufig in der Überzahl.

 

MGG: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Im Tessin gibt es noch grosse Widerstände, da sich Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen sehr von denjenigen mit psychischen Beeinträchtigungen abgrenzen und psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft noch stark stigmatisierend sind. Wir müssen also noch viel Aufklärungsarbeit leisten.


Sind die Institutionen am Recovery-Projekt interessiert?

 

FG: Einige Institutionen sind sehr offen und gesprächsbereit. Andere – etwa solche, die geschützte Arbeitsplätze anbieten – vertreten dagegen den Standpunkt, dass sie ihre Aufgabe ausschliesslich darin sehen, betroffenen Menschen Arbeit anzubieten. Wenn diese etwas für ihre «persönliche Entwicklung» machen möchten, müssten sie dies individuell und auf eigene Kosten tun. Ich denke, es müssen noch viele Gespräche stattfinden, um diesen Fachleuten zu vermitteln, welche Bedeutung Recovery für die betroffenen Menschen hat – nicht zuletzt auch hinsichtlich einer sinnerfüllten Tätigkeit und Lebensgestaltung. Der Prozess ist im Gang, aber er wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, denn es müssen noch etliche Hürden genommen werden.

 

Wichtig sind auch unsere Partner. So arbeiten wir u.a. mit dem SMP (psychologischer Dienst für Kinder und Jugendliche) und mit der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix zusammen: Wir führen gemeinsam ein Schulprojekt zur Prävention und zur Sensibilisierung für psychische Erkrankungen durch.

 

Maria Grazia, du arbeitest bereits seit zwölf Jahren für Pro Mente Sana Ticino. Was hat sich in dieser Zeit in deiner Arbeit und in der psychiatrischen Versorgung des Kantons verändert?

 

MGG: Der grosse, grundlegende Veränderungsprozess bestand darin, die Präsenz und den Einfluss von Pro Mente Sana im Tessin auszubauen. Als ich hier anfing, arbeitete ich in einem 30-Prozent-Pensum und beschäftigte mich ausschliesslich mit den Rekursen bei Zwangseinweisungen und Zwangsmassnahmen für die Umsetzung des Psychiatriegesetzes LASP (Legge sull’assistenza sociopsichiatrica), des bahnbrechenden Gesetzes, das eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, koordiniert von Marco Borghi, zwischen 1978 und 1980 erarbeitet hatte. Durch die Bekräftigung der Patientenrechte hat dieses Gesetz eine Veränderung der institutionellen Realität erzielt, indem es Klinikpatienten ihre Würde als Menschen und Bürgerinnen zurückgab und die Möglichkeit schuf, sich den Verletzungen der individuellen Freiheit zu widersetzen.

 

Das LASP bildet denn auch die Grundlage des «Tessiner Modells» von Pro Mente Sana. Nach und nach haben Marco Borghi und ich die Sensibilisierung bezüglich der Patientenrechte vorangetrieben. Zu diesem Zweck boten wir auch Schulungen für Pflegende und Ärztinnen und für sämtliche Institutionen im Umfeld an. Dadurch gewann Pro Mente Sana stetig an Bedeutung. Mein Pensum wurde auf 80 Prozent erhöht, damit ich diese Aufgaben wahrnehmen konnte. Wir beraten Patientinnen, machen Rekurse, führen Kurse für Pflegende und Sozialarbeitende durch usw. Unsere Beratung findet im direkten persönlichen Kontakt statt, nicht am Telefon. Wenn nötig, suchen wir Patienten auch zu Hause oder in der Klinik auf. Wir sind viel in Bewegung und bewegen viel!

 

Dann bist du in der Klinik also sehr präsent?

 

MGG: Ja, ich arbeite vor allem im Krisenbereich. Ich versuche den betroffenen Menschen im Moment ihrer Krise zu vermitteln, dass ich auf ihrer Seite stehe und mich dafür einsetze, dass nicht gegen ihren Willen gehandelt wird. Zwangsmassnahmen sind nur dann erlaubt, wenn Selbstoder Fremdgefährdung nicht anders abgewendet werden können.


Wie kommt der Kontakt mit den Patientinnen zustande? Bist du bei einer Einweisung von Anfang an anwesend?

 

MGG: Das ist ganz unterschiedlich. Je nach Situation kann ich jemanden fast von Anfang an unterstützen, wenn er oder sie mich bei der Einweisung sofort anruft. Es kann aber auch ein bis zwei Tage dauern, bis ich die betroffene Person sehe. Manchmal werde ich von den Ärzten oder von der Pflege beigezogen, wenn Patienten nicht verstehen, was mit ihnen passiert. In solchen Situationen versuche ich zu vermitteln. Zudem informiert mich der Präsident der Rechtskommission darüber, wann die Rekurse stattfinden. Meine Aufgabe ist auf jeden Fall die Mediation. Wir sind überzeugt, dass das wichtigste Anliegen nicht nur die Rechte der Patientinnen sind, sondern auch ihr Recht auf die bestmögliche Behandlung und setzen uns deshalb dafür ein, dass ihnen die Ärztinnen diese zur Verfügung stellen. Weil das Gesetz dies erlaubt, können wir den Patientinnen aber auch sagen: Wenn Sie dieses Medikament nicht nehmen wollen, dann müssen Sie das nicht und wir machen einen Rekurs.

 

Wie gelingt es, in akuten Krisensituationen zwischen Patientinnen und Fachpersonen zu vermitteln?


MGG: Die Patientinnen vertrauen uns und beruhigen sich meist schnell, wenn sie sehen, dass jemand auf ihrer Seite ist. Kürzlich rief mich ein Patient in einer akuten Situation an: Zehn Pflegende und zwei Polizisten seien dabei, ihn zu fixieren, um ihm eine Injektion zu geben. Ich ging sofort auf die Station. Pflegende und Polizei waren sich einig, dass der Patient gefährlich sei. Ich erklärte, dass ich dies selber feststellen möchte. Als der Patient mich erblickte, sagte er: «Giorgis, komm her zu mir, ich möchte mit dir reden.» Ich habe die anderen Anwesenden gebeten, das Zimmer zu verlassen. Nach unserem Gespräch war er bereit, sich eine Injektion machen zu lassen, ohne fixiert werden zu müssen. Das war in diesem Fall die bestmögliche Behandlung, die einvernehmlich vorgenommen werden konnte. Dies ist ein Beispiel für eine sofortige Intervention, die auch dadurch ermöglicht wurde, dass dem Patienten erlaubt wurde, mich anzurufen.

 

Ihr habt also in der Zusammenarbeit mit der Klinik im Interesse der Patienten schon viel erreicht. Gibt es Ziele, die ihr noch nicht verwirklichen konntet?

 

MGG und FG (unisono): Das ist sicher weiterhin die Entstigmatisierung. Diese zu erreichen, ist ein langer Prozess.

 

MGG: Auf der rechtlichen Ebene geht es auch weiterhin um die Revision des LASP, die durch das neue Erwachsenenschutzrecht erforderlich wurde, das seit 2013 in Kraft ist. Da das LASP den Rechten der Patienten besser entspricht als die vom Bundesgesetz vorgesehenen Lösungen, geht es nun darum, komplexe Anwendungsprobleme zu klären, die durch die unterschiedlichen Bestimmungen entstanden sind. Zukunftsweisend ist auch das «Acute Home Treatment», ein innovatives, vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen einer Universitätsstudie unterstütztes Projekt, an dem Pro Mente Sana hinsichtlich der Patientenrechte beteiligt ist. Im Rahmen der Studie werden die Machbarkeit, die Akzeptanz, die Wirksamkeit und die Wirtschaftlichkeit der Betreuung von psychisch kranken Menschen zu Hause untersucht. Dank dieses Projektes konnte bereits eine Abteilung in der Klinik in Mendrisio geschlossen werden und das Team arbeitet nun am «Ort des Geschehens», was einem der zentralen Postulate des LASP entspricht.

 

Gefällt euch eure Arbeit bei Pro Mente Sana Ticino?

 

MGG: Meine Arbeit gefällt mir ausserordentlich gut – sie ist zwar schwer, aber sie ist auch sehr befriedigend.

 

FG: Ich «stressiere» mich viel, aber ich finde meine Arbeit superinteressant!

 

Zur Mittagszeit stärken wir uns gemeinsam in der Kantine, die den Patientinnen genauso wie den Besucher, dem Pflegepersonal und den Ärztinnen offen steht und ich geniesse ein knusprig gebratenes Felchenfilet im Bierteig mit Ratatouille, Salat und einer Glace zum Dessert. Die Stimmung im Raum ist heiter und familiär. Beim anschliessenden Spaziergang durch das weitläufige Klinikgelände werden Maria Grazia und Federica von allen Seiten gegrüsst und angesprochen.

 

Das Gelände ist riesig: Es umfasst zahlreiche Bauten aus verschiedenen Epochen, die die verschiedenen Abteilungen der Klinik beherbergen, aber auch drei Wohnheime, ein Wohnhaus für die Nonnen, die in der Wäscherei tätig sind, und ein Atelier für die Freizeitgestaltung. Wir kommen auch an einem öffentlichen Spielplatz vorbei, auf dem es, wie mir Federica erzählt, sogar ein riesiges Boot gab, in dem sie als Kind mit ihren Gschpänli gerne gespielt hat. Aus Sicherheitsgründen sei das Boot leider entfernt worden.

 

Maria Grazia zeigt mir auch den ehemaligen Bauernhof – es gibt immer noch ein Stück Land, auf dem Nutzpflanzen angebaut werden – auf dem die Patientinnen und Patienten der Klinik früher mitarbeiten mussten. Dann gelangen wir zum «Meditationsweiher», wo wir einen Moment lang innehalten. Der mit einem Holzzaun eingefasste Weiher sei ein wichtiger Ort der Ruhe und Reflexion, der von Patienten und Klinikpersonal gleichermassen aufgesucht werde.

 

Der Zufall will es, dass heute ein Laden eröffnet wird, in dem lokale Produkte, Textilien, Schmuck und zweimal pro Woche auch Obst und Gemüse verkauft werden sollen. Ich bin dabei, als die Initiantin und der Initiant des Projekts das Band am Eingang zerschneiden, kaufe ein Glas Akazienhonig und bin vielleicht die erste Kundin des neuen Ladens. Der Honig wird mich jeden Morgen beim Frühstück an meine spannende Begegnung mit meinen Kolleginnen aus Mendrisio sowie den Patientinnen und Fachpersonen der Klinik erinnern.


Dieser Artikel von Anna Beyme erschien im KONTEXT, dem Clubmagazin des mental help club. Werden Sie Mitglied und erhalten Sie zwei Mal jährlich eine neue Ausgabe vom KONTEXT.