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Kunstwerke aus der Psychiatrie und das innovative Projekt «Offene Kunstküche»

Das Kunstmuseum Thun zeigt in seiner neusten Ausstellung «Extraordinaire! Unbekannte Werke aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900» Werke von psychisch kranken Menschen. Die Schau basiert auf einem Forschungsprojekt der Zürcher Hochschule der Künste, das alle in kantonalen Kliniken der Schweiz entstandenen Werke erfasste. Zudem geben Kunstschaffende im Rahmen des Projektes «Offene Kunstküche» Interessierten Impulse, an eigenen Ideen zu arbeiten. Das Projekt wird auch von der Pro Mente Sana unterstützt.

In Thun sind bis zum 19. Mai 2019 eine Auswahl von achtzig Arbeiten aus zehn verschiedenen Kliniken zu sehen. Ob Scherenschnitte, Holzschiffe, Gehäkeltes oder auf Packpapier Gekritzeltes: Die Kunst der Patienten_innen hat viele Gesichter. Die Ausstellung mit einer Vielzahl an Exponaten ermöglicht damit erstmals Einblicke ins Kunstschaffen von Patient_innen aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900.

Die eindrückliche Kraft der «Angry Birds»


Parallel dazu widmet das Kunstmuseum Thun der amerikanischen Künstlerin Ida Applebroog die erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz. Beim Rundgang durch das Museum fallen die in einem grossen Saal ausgestellten Bilder (gefallene Vögel) der bekannten Amerikanerin auf. Die 1929 in New York geborene Künstlerin erlitt Anfang der 70er-Jahre einen Nervenzusammenbruch. Einer ihrer Assistenten entdeckte 2009 im Estrich eine Schachtel mit vergessenen Bildern, die Applebroog während ihres Klinikaufenthalts geschaffen hatte. In der Werkserie «Mercy Hospital» (1969) zeichnete sie mit Tusche, Tinte und Aquarellfarben gegen ihre Depression an. In ihrer aktuellen Serie «Angry Birds of America» (2018) bringt sie ihren Zorn über die Trump-Regierung zum Ausdruck. Ikonenhaft hat sie verschiedene Vögel auf Folie gedruckt. Ein Flamingo geht gebückt, eine Eule – Symbol der Weisheit – ist tot. Leider konnte die über 90-jährige Künstlerin nicht mehr zur Vernissage anreisen, da diese Reise für sie zu strapaziös gewesen wäre. Aber die Kraft ihrer Bilder lässt erahnen, mit welcher Intensität sie ihrer Wut Ausdruck verliehen hat.

Kunstvermittlung in der «Offenen Kunstküche»


Das Kunstmuseum Thun trägt das Label «Kultur inklusiv» und besticht seit vielen Jahren mit innovativen Ideen in der Kunstvermittlung, was viel mit der engagierten und kreativen Leiterin der Kunstvermittlung, Sara Smidt, zu tun hat. Seit 2010 gibt es eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Pro Infirmis Berner Oberland, die auch im Rahmen von «Extraordinaire!» weitergeführt wird. Neu mit dabei ist in diesem Jahr die Pro Mente Sana, welche das Projekt partnerschaftlich unterstützt. An zwölf Nachmittagen öffnet die Kunstküche, die in einem Nebengebäude des Kunstmuseums beheimatet ist ihre Türen, um interessierten Menschen in einem inklusiven Workshop die Möglichkeit zu bieten, an eigenen Ideen und mit unterschiedlichen Materialien zu arbeiten. Bis zu zwölf Personen sollen sich unter der Leitung eine/r Künstler_in aus dem Berner Oberland kreativ ausdrücken können. Was in diesem Prozess entsteht, kann auch den Weg in den Projektraum «enter» der Ausstellung finden, welcher explizit für diese Arbeiten geschaffen wurde. Gemeinsam mit zwei eigens für dieses Projekt bestimmten Kuratorinnen, Janine Ayer und Rut Reinhard sowie den Teilnehmenden der Workshops wird entschieden, ob ein Werk in die Ausstellung transferiert wird. Dazu Sara Smidt: «Wir hoffen, dass sich unsere Ausstellung und die Prozesse in der Kunstküche gegenseitig inspirieren. Aus Erfahrung wissen wir, dass dieser Transfer in den Projektraum «enter» auch für die Besucher_innen des Museums eine bereichernde Erfahrung ist.»

Pro Mente Sana ist Partnerin des Projekts «Offene Kunstküche». Am 14.3.2019 organisieren wir dazu eine Veranstaltung im Kunstmuseum Thun (siehe Anhang).

Die Ausstellung «Extraordinaire!» im Kunstmuseum Thun dauert vom 9. Februar bis zum 19. Mai 2019. Anschliessend werden die Werke im Kunstmuseum im österreichischen Linz zu sehen sein.
Informationen zur Kunstküche finden Sie in den Links/Downloads

 

www.kunstmuseumthun.ch