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Psychische Gesundheit in Bildern

inCLOUsiv hat ein Interview mit Swinde Wiederhold durchgeführt. Swinde Wiederhold studiert momentan Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. Zurzeit arbeitet sie an ihrer Abschlussarbeit zum Thema Corona und den psychischen Auswirkungen auf die Schweizer Gesellschaft. 

Die Arbeit von Swinde Wiederhold sieht vor, dass Protagonisten und Protagonistinnen mit einer „Einwegkamera“ ausgestattet werden und so ihren Corona-Alltag dokumentieren und dazu etwas schreiben. inCLOUsiv sprach mit Swinde Wiederhold. Sie erklärt wie sie auf die Idee des Projektes “Corona-Tagebuch” gekommen ist, was sie sich für die Zukunft wünscht und was für sie Fotografie bedeutet. 

 

inCLOUsiv: Beschreiben Sie in ein bis zwei Sätzen was Fotografie für Sie bedeutet? 

SW: Fotografie ist für mich persönlich ein Mittel zur Auseinandersetzung mit der Umwelt. Es ist ein Werkzeug, um das Leben fühlen zu können.   

 

inCLOUsiv: Wie sind Sie auf die Idee des Projektes „Corona-Tagebuch“ gekommen? 

SW: Besondere Zeiten erfordern ebenfalls besondere Vorgehensweisen. Um die strengen Auflagen des BAG im Sinne von „social distancing“ einhalten, aber trotzdem einen Einblick in den Alltag verschiedener Personen bekommen zu können, habe ich mich auf die Variante mit Einwegkameras konzentriert. Dies ermöglicht ein Bild des aktuellen Geschehens, obwohl ich nicht persönlich präsent sein muss. Zudem möchte ich für dieses Projekt nicht das fotografieren, was man augenscheinlich sofort sehen kann (leere Städte, leere Supermarktregale, abgesperrte Spielplätze, Menschen mit Masken etc.), sondern ich möchte die psychologischen Auswirkungen dieser speziellen Zeit der Corona-Krise erforschen.  

 

inCLOUsiv: Welche Zielgruppe soll das Projekt erreichen?  

SW: Prinzipiell ist Jeder und Jede von uns von der Krise betroffen und die veränderten Strukturen wirken sich unterschiedlich auf jeden Einzelnen von uns aus. Zielgruppe der Teilnehmenden Protagonisten sind diejenigen unter uns, die von der Krise psychisch gefordert werden. Was bewirkt die Krise mit uns innerlich

Besonderes Interesse habe ich daher an Personen, die zuvor schon psychisch erkrankt/labil waren und deren Zustand sich nun durch die Massnahmen verschlechtert hat. Wie geht unserer älterer Bevölkerungsanteil mit der Situation um? Wie verkraften die Menschen in Alters-, Wohn- und Pflegeheimen diese Krise mit einem totalen Besuchsverbot? Wie erleben chronisch Kranke und Risikopatient*innen den Alltag, wenn sie sich isolieren bzw. in Quarantäne müssen? Was sagt ein*e COVID-19 Erkrankte*r persönlich zu der Lage? Wie geht es den Notleidenden unter uns, die obdachlos sind und nun zu Hause bleiben sollen, obwohl sie doch auf der Strasse zu Hause sind? 

Die Frage lautet: „Sind die getroffenen Massnahmen des BAG gerechtfertigt oder gefährden sie sogar die geistige Gesundheit der Bevölkerung?“ 

Daher bin ich ebenfalls auf der Suche nach Teilnehmer*innen aus dem medizinischen Fachbereich. Intensivpfleger*innen, die direkt mit COVID-19 Patient*innen in Kontakt sind. Wie sehen sie die Lage? Zeigen auch sie psychische Folgen dieser Krise? Fachärzte und Fachärztinnen aus der Psychiatrie und Psychotherapie: Sehen Sie einen Unterschied in dem Befindlichkeitszustand ihrer Patienten? Verstärken sich Depressionen, Suizidgedanken etc.? Gemeinsam lässt sich ein Stimmungsbild unserer Gesellschaft zu dieser speziellen Zeit erarbeiten. Eine Zeit, die auch eine Chance für Veränderungen bietet. 

 

inCLOUsiv: Was wünschen Sie sich für die Zukunft mit diesem Projekt?  

SW: Ich wünsche mir, dass dieses Projekt ein Zeitdokument über unsere Gefühle in der Corona-Krise wird. Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden sich öffnen und ehrlich über ihre Sorgen, Ängste, Gedanken, Zweifel und den Sinn des Lebens philosophieren. Ich wünsche mir Intimität und Raum zum Träumen. 

 

inCLOUsiv: Hatten Sie schon einmal ein so ähnliches Projekt gemacht?  

Nein, dieses Projekt ist einzigartig und ein Experiment im Austausch zwischen den Protagonist*innen und mir als Fotografin. Dieses Mal befinde ich mich eher in der Rolle der Kuratorin, die im Anschluss die Bilder und Worte auswählt, die der Aussenwelt gezeigt werden. 

 

inCLOUsiv: Was möchten Sie mit diesen Bildern ausdrücken?  

SW: Dieses Projekt handelt über eine Zeit der Krise ohne einen Krieg. Dies ist ein historischer Moment, der in die Geschichtsbücher eingehen wird. Mit den Bildern und den Worten möchte ich Unsichtbares sichtbar machen. Ein ehrliches Gefühl der Menschen in dieser Zeit vermitteln. 

 

inCLOUsiv: Was meinen Sie: Haben Bilder eine grössere Aussagekraft als Worte?  

SW: Nein, in meinen Augen eignet sich jedes der beiden Medien ganz individuell, um beim Betrachtenden Fragen aufzuwerfen und Denkprozesse anzustossen. Bilder können Worten eine zweite Ebene verleihen und gewisse visuelle Vorstellungen hinzufügen. Ebenso können Worte Bildern eine ganz andere Richtung in ihrer Lesbarkeit geben. Für dieses Projekt sind beide Medien unmittelbar miteinander verbunden. 

 

Möchten Sie sich beteiligen? Mehr Informationen zum Fotoprojekt "Corona-Tagebuch" finden Sie hier.